Überraschungszeugin konnte rücksichtlosem Fahrzeugführer nicht helfen

Landgericht Osnabrück bestätigte Verurteilung wegen Beleidigung

Osnabrück – Das Zeigen eines Stinkefingers im Straßenverkehr kann richtig teuer werden. Diese Erfahrung musste auch ein 29-Jähriger aus Lingen machen, gegen den das Amtsgericht Nordhorn eine Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu je 20 Euro ausgeurteilt hatte, weil es den Tatbestand der Beleidigung als erfüllt ansah. Der recht uneinsichtige Autofahrer hatte gegen das Urteil Berufung eingelegt. Da das Landgericht Osnabrück die Berufung jetzt verwarf, stiegen die Kosten für das Zeigen des Stinkefingers noch einmal beträchtlich.

Nein, sagen wollte er zu den gegen ihn erhobenen Vorwurf nichts. Im Vorfeld der beiden Prozesse in Nordhorn und nun in Osnabrück hatte er noch behauptet am fraglichen Freitag, den 5. Juli 2013 überhaupt nicht von Lingen nach Nordhorn gefahren zu sein. Es müsse eine Verwechslung vorliegen. Als dann vor dem Landgericht Osnabrück durch die Aussage des ersten von 3 Zeugen deutlich wurde, dass diese Schutzbehauptung nicht haltbar sein werde, ließ der Beschuldigte durch seinen Anwalt mitteilen, dass er die ihm zur Last gelegte Beleidigung - das Zeigen eines erhobenen Mittelfingers - überhaupt nicht durchgeführt haben könne, weil sein Dachfenster defekt gewesen sei.

Hatte sich der Hauptbelastungszeuge, ein 32-jähriger Bankkaufmann aus Nordhorn die ganze Geschichte nur ausgedacht? Er sei, so der Zeuge, an dem betreffenden Freitagnachmittag von Lingen nach Nordhorn auf der B213 unterwegs gewesen, als er in Höhe Lohne von einem Mercedes durch dichtes Auffahren bedrängt worden sei. Die folgenden 6 km habe der Mercedesfahrer dieses Verhalten fortgesetzt und dann in Höhe Klausheide sehr riskant überholt und ihm aus dem Dachfenster einen Stinkefinger gezeigt. Dieses Verhalten, so berichtete der Zeuge weiter, habe ihn zwar erzürnt, hätte aber nicht dazu geführt, dass er eine Anzeige erstattet. Erst die weitere "rücksichtslose" Fahrweise des Verkehrsteilnehmers, die er als "sehr bedrohlich" empfunden habe, hätte zu der Anzeige geführt.

Was genau unter der "bedrohlichen Fahrweise" zu verstehen war, ließ ein 55-jähriger Kosovo-Albaner über einen Dolmetscher mitteilen. Er habe seinen Sohn aus Lingen abgeholt und sei in Klausheide auf der B213 durch einen Mercedes-Kombi fast in den Straßengraben gedrängt worden. Beide Zeugen, sowie der später noch aussagende Sohn des 55-Jährigen erkennen den "stark übergewichtigen Fahrer mit dem Doppelkinn" eindeutig wieder.

Der Angeklagte brach sein Schweigen und gab zu der Fahrer des Kombi gewesen zu sein. Ja, er habe überholt, das sei richtig, aber dann hätte er sich vor dem Zeugen "reinzwängeln" müssen, weil dieser den erforderlichen Sicherheitsabstand nicht eingehalten habe.

Und zum Vorwurf der Beleidigung des ersten Zeugen teilte er mit, dass das Schiebedach seines damaligen Fahrzeuges defekt gewesen sei. Er hätte somit seinen Arm überhaupt nicht rausstecken können. Als daran Zweifel geäußert werden, taucht eine überraschende Zeugin auf, die der Angeklagte vorsorglich mitgebracht hatte. Sie sollte bestätigen, dass das Dachfenster im Juli 2013 defekt war. Doch nach dem Hinweis des Richters auf die Wahrheitspflicht konnte sich die Zeugin überhaupt nicht mehr so recht erinnern. "Oh..., das kann ich Ihnen so nicht genau sagen", antwortete sie immer wieder auf Fragen des Richters.

Jetzt wollte der Verteidiger einen Beweisantrag stellen, dass es seinem Mandanten nicht möglich gewesen sei, seinen Arm aus dem Schiebedach zu strecken, da dieser quasi immer im Liegen fahre und sein Arm zu kurz sei. Als der Richter signalisierte, dass er diesem (unsinnigen) Antrag stattgeben würde, was geschätzt weitere 1500 Euro Kosten zu Folge haben könne, sah der Anwalt von seinem Vorhaben ab.

Aus der Verlesung des umfangreichen Vorstrafenregisters und der Kommentierung der insgesamt 13 Verurteilungen durch den Angeklagten wurde deutlich, dass es dieser mit der Einhaltung von Regeln nicht so ernst nimmt und darüber hinaus immer andere für sein Fehlverhalten verantwortlich zu machen sucht.

Nach kurzen Plädoyers folgte die Verwerfung der Berufung. Der Richter erklärte dem Verurteilten, dass er noch Glück gehabt habe, dass nur die Beleidigung und nicht auch noch die Verkehrsgefährdung Gegenstand der Anklage gewesen sei.

Diesen Beitrag teilen



Überraschungszeugin konnte rücksichtlosem Fahrzeugführer nicht helfen - Auf Twitter teilen.

Sei der erste, dem das gefällt