Jugendkammer des Landgerichts: Sorgfältig, behutsam und fair

Mit besonderer Sorgfalt und Behutsamkeit widmete sich die Jugendkammer des Landgerichts Osnabrück Prozessen in denen es um sexuellen Missbrauch von Kindern geht. Die 5-tägige Verhandlung gegen einen 30-Jährigen ehemaligen Pizzafahrer machte wieder einmal deutlich, wie schwer die Wahrheitsfindung in solchen Fällen ist. Allen Prozessbeteiligten ist in es in diesem Verfahren gelungen, sich dem Sachverhalt angemessen zu nähern. Das war nicht immer leicht. Die Verteidigerin sah sich nicht nur mit den schweren Vorwürfen gegen ihren Mandanten konfrontiert, sondern musste diesen auch immer wieder „einfangen“. In mehreren Unterbrechungen des Prozesses gelang es ihr den psychisch labilen Angeklagten zu beraten und zu beruhigen. So auch, als es zu einer direkten Konfrontation des Angeklagten und dem Vater eines der Opfer vor Gericht kam. Dieser hatte den Angeklagten mit einem Messer angegriffen und verletzt, nachdem er von den sexuellen Übergriffen erfahren hatte. Im Zentrum des Prozesses stand die Glaubwürdigkeit des Zeugen und somit das Gutachten eines Jugendpsychiaters. Sein, nicht in allen Teilen klar nachzuvollziehender Bericht, bot der Anwältin eine offene Flanke. Der Gutachter hatte ihrer Meinung nach nicht ausreichend dazu Stellung genommen, wie es zu den zahlreichen widersprüchlichen Aussagen des ersten Opfers gekommen war. Selbst die Anzahl der vollzogenen Geschlechtsakte stand bis zuletzt nicht eindeutig fest. Mal hatte die Zeugin von der Benutzung eines Kondoms gesprochen, dann wieder nicht. Auch zur Frage der Möblierung des Tatzimmers standen ihre Aussagen im Widerspruch zu den Schilderungen von Familienangehörigen des Angeklagten. Wackelig auch die - entscheidenden – Angaben zum Alter der Opfer. Wusste der Pizzafahrer wirklich, wie alt die beiden Mädchen waren? Ganz klar wurde nicht, woher er das wissen konnte. Lediglich die erste Zeugin hat vor Gericht behauptet, sie hätte dem Angeklagten schriftlich ihr Alter mitgeteilt. Die Verteidigerin warf die Möglichkeit auf, dass die Aussagen der Mädchen aus Angst vor den Elternhäusern zustande gekommen sein könnten. Immerhin, so hatte auch der Gutachter festgestellt, herrschte in einer Familie eine „hochexplosive Stimmung“ als er das Mädchen bei einem Hausbesuch zu Einzelheiten der Vorkommnisse befragte. Ein neutraler Ort für die Elaboration des Gutachtens wäre sicherlich besser gewesen. Letztlich bleibt aber festzuhalten, dass der Detailreichtum der Schilderung des ersten Opfers (das zweite sagte unter Ausschluss der Öffentlichkeit aus) und die durchaus vorhandenen Konstanzen klar dafür sprechen, dass die Opfer sich die Taten nicht ausgedacht haben. Warum sollten sie auch? Es war keinerlei Hass- oder Rachegedanke – theoretisch denkbar wegen verschmähter Liebe – in der Aussage der mutigen kleinen Zeugin spürbar. Zwar hatte die erstvernehmende Richterin, die ebenfalls aussagte, berichtet, sie habe „schon stärker traumatisierte Opfer“ vernommen, aber auch festgestellt: „Es war nicht unglaubhaft.“
Der Angeklagte selbst hat sich durch sein Verhalten und seine Beiträge vor Gericht keinen Gefallen getan. Sein Ausbruch gegen den Vater eines Mädchens, seine letztendlich unglaubwürdigen Unschuldsbeteuerungen und sein verunglücktes Schlusswort - „Es wird alles übertrieben“ haben das Gericht vermutlich nicht milde gestimmt. Der Prozess war fair und endete mit einem, angesichts der vom Staatsanwalt beantragten sechs Jahre Haft, moderaten Urteil.

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