Großverfahren

Schöffe erlitt Herzinfarkt – Rockerprozess begann noch mal

 

Rockerchef sagt aus – Massive Bedrohungen und Anschläge im Vorfeld der Tat.

Wiederum verzögerte sich die Fortsetzung des Rockerprozesses wegen Totschlags vor dem LG Osnabrück um eine Stunde. Diesmal waren aber nicht nur die umfangreichen Sicherheitskontrollen vor und im Gericht Ursache der Verzögerung. Ein Schöffe war am Vorabend mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert worden. „Vielleicht hat er den Stress im Zusammenhang mit diesem Prozess nicht ertragen,“ mutmaßte Jens Meggers, der Verteidiger des Hauptangeklagten Wolfgang E. aus Wallenhorst. Der Schöffe sei einer Jugendkammer beigeordnet worden und „habe wohl nicht geahnt, welcher Rummel angesichts dieses Prozesses auf ihn zukommen“. Das der Prozess vor einem Jugendgericht stattfindet, liegt am Alter des zweiten Angeklagten, Boris E., der zur Tatzeit erst 19 Jahre alt war. Ihm und seinem Vater wird vorgeworfen im Juli 2004 einen Totschlag, bzw. einen versuchten Totschlag begangen zu haben.

Die Erkrankung des Schöffen hatte zur Folge, daß der Prozess formal neu beginnen mußte – mit zwei neuen Schöffen, die von ihren Arbeitsplätzen eilends herbei gebracht wurden.

Die Aussage des Präsidenten des Bandidos OS stand im Mittelpunkt des Tages. Vor vollbesetztem Gerichtssaal berichtete er von seinen Leben und schließlich von den Ereignissen in der Nacht des 16.7.2004 vor seinem Wohnhaus in Wallenhorst. Wiederum bestand das Publikum zur Hälfte aus Bandidos. Diesmal vornehmlich aus Dortmund, aber auch aus Schweden waren sie eigens angereist, um ihrem Clubmitglied mentalen Beistand zu leisten. Diese Unterstützung ist Teil des Regelwerks des Motorradclubs (MC), der weltweit organisiert ist.

Bereitwillig gab der 45-jährige Rockerpräsident Auskunft über einzelne Begrifflichkeiten. Nach einer „hang around time“ (eine Art Probezeit) in der man „supporter“ (Unterstützer) der Bandidos ist, erlangt man eine Anwartschaft (prospector) um zu einem Full Member (Vollmitglied) zu werden. Danach ist man ein „Einprozenter“, sichbar an den Aufnähern auf der Lederweste des Mitgliedes, welches jeweils einem Chapter (örtliche Untergruppe) zugeordnet ist.  Die Gründung eines solchen Chapters (inklusive eines Vereinsheimes) durch den ebenfalls weltweit operierenden MC-Outlaws, bildet den Hintergrund der tödlichen Auseinandersetzung.

Eigentlich habe man mit den Outlaws ein entspanntes Verhältnis gehabt; man habe sogar miteinander gefeiert, gab der Angeklagte an. Allerdings habe man es nicht so gerne gesehen, daß die Outlaws sich in Osnabrück niederlassen wollten. Doch genau das geschah. Eine Regelverletzung? Offensichtlich spitzte sich die Auseinandersetzung in den Monaten vor der Tat kontinuierlich zu. Wolfgang B. war als Präsident die Zielscheibe von massiven Bedrohungen und Anschlägen. Er erhielt mehrere Drohanrufe, auf seinen LKW wurde ein Brandanschlag und auf seinen PKW ein Säureanschlag verübt. Sein Wohnhaus wurde nachts mit Gegenständen beworfen und sein Sohn wurde verbal bedroht, weil er ein „Supporter T-Shirt“ trug. Die Angaben wurden vom Angeklagten teilweise frei und ruhig vorgetragen. Erst auf sachliche Nachfragen der Staatsanwaltschaft reagiert er gereizt.

Am Vorabend der Tat seien zwei Pkws mit jeweils drei Bandidos in Osnabrück unterwegs gewesen, um an mehreren Standorten zu prüfen, ob ein Chapter der Outlaws gegründet worden war. In der Dodesheide wurde man fündig. An einem Privathaus „pappte ein fetter Aufkleber“ der Konkurrenten. Das war zuviel. „Es war bestimmt nicht schlau“, bemerkte Wolfgang B. zu der Provokation diesen Aufkleber durch einen eigenen unsichtbar zu machen. Nachdem er von der nächtlichen Aktion heimgekehrt war, widmete er sich zuerst mit seinem Sohn, dann alleine, ausgiebig verschiedenen alkoholischen Getränken. Dazu kam eine „Tüte Cannabis“. Ob er ahnte, daß es zu einer Gegenreaktion der Outlaws kommen würde, ließ der Angeklagte offen. Jedenfalls hielt er eine scharfe Waffe griffbereit. Um 2.30 Uhr habe es dann mehrmals mächtig an seiner Tür gescheppert. „Ich bekam tierische Angst, weil ich vermutete jemand wolle ins Haus einbrechen.“ Auch aus Sorge um seine Familie, sei er dann vor die Tür getreten und habe einen Warnschuss abgegeben. An der Tür pappte die „Duftmarke“ der Outlaws, eine Aufkleber. Er sei dann bis zur Einmündung der Stichstrasse gegangen und sei dort unvermittelt angegriffen worden. „Jemand sprang mit einem erhobenen Axtstil auf mich zu, ich habe dann sofort geschossen.“ Dieser Schuss sei ungezielt abgegeben worden. Danach kam es zu einer Rangelei an der auch Boris E. der Sohn des Rockerchefs teilnahm. Als der Angreifer bewegungsunfähig auf dem Boden lag, seien beide ins Haus gelaufen, weil weitere Personen entdeckt wurden. Erst jetzt wurde die Polizei verständigt.

Der Prozess wird am kommenden Dienstag fortgesetzt. Dann wird Boris E. seine Aussage machen.

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