Großverfahren

„Ich dachte mir platzen die Trommelfelle“

Nachbarn sagten im Rockerprozess aus

Sechster Verhandlungstag im Rockerprozess vor dem LG Osnabrück: 15 Nachbarn berichteten über ihre Wahrnehmungen in der Nacht des 16.7.2004.

In dieser Nacht sollen Wolfgang E. (45) und sein Sohn Boris den 30-jährigen Willi B. aus Wersen durch Schüsse und Schläge mit einem Baseballschläge so schwer verletzt haben, daß er wenig später verstarb.

Hintergrund der Tat sind Auseinandersetzungen zweier Motorradclubs (MC) um die Neugründung einer örtlichen Niederlassung des MC Outlaws in Osnabrück. Willi B., Mitglied der Outlaws, war in der Tatnacht mit drei weiteren Rockern nach Wallenhorst gefahren, um den Chef des rivalisierenden MC Bandidos aufzusuchen. Was sie genau vorhatten, ist bisher unklar.

Familie E. wohnt. seit 10 Jahren in einer Reihenhaussiedlung in Alt-Wallenhorst. Die Funktion des 45-jährigen Hauptangeklagten als Präsident des MC Bandidos Osnabrück war keinem der 15 Nachbarn, die am Donnerstag im hochgesicherten Landgericht aussagten, bekannt. Einige Zeugen war das amerikanische Motorrad vor dem Hause E. aufgefallen, eine Nachbarin hatte einen MC Aufkleber auf einem Auto bemerkt. Kein Nachbarn hatte engeren Kontakt zu den Eberts, manche kannte ihn nicht einmal. Die direkten Nachbarn schildern Familie E. als unauffällig. Einer sagt:“Es war ein unbelastetes, ordentliches Nachbarschaftsverhältnis.“

Entsprechend überrascht waren daher alle, über das, was sich in der Nacht des 16.7.2004 vor ihren Häusern abspielte. Die meisten Nachbarn waren lediglich Ohrenzeugen, das direkte Tatgeschehen hat keiner gesehen.

„Ich dachte mir platzen die Trommelfelle,“ berichtet ein Nachbarn, der um kurz vor 3 Uhr von einem lauten Knall wach wurde. Er wußte sofort, daß er einen Schuss gehört hatte, das Geräusch kannte er gut aus seiner Bundeswehrzeit. Wenig später hörte er zwei weitere Schüsse aus einer anderen Richtung. Ein hohe Hecke versperrte ihm die Sicht auf den Tatort. Trotzdem weiß er zu diesem Zeitpunkt, daß etwas Schreckliches passiert ist. „Ihr Mörder!“ ruft er aus dem Fenster. Dann alarmiert er die Polizei. Er ist der einzige. Alle anderen Zeugen wurden ebenfalls von Schüssen geweckt, hörten Personen auf der Strasse, ein lautes Stöhnen und ein schnell wegfahrendes Auto. Aus dem Stimmengewirr, daß die meisten Anwohner hörten, sind nur einige Sätze klar erkennbar. „Wo ist die Knarre?“, will ein Zeuge vernommen haben. Ein anderer hörte: „Bloß weg hier!“ Dieser Satz ist einem Mitglied der MC Outlaws zuzuordnen, die ihren schwerverletzten Kumpanen in einen PKW schleiften und sich dann aus dem Staub machten.

Aus dem bisherigen Prozessverlauf ergibt sich folgendes Bild. Wolfgang E. hat drei Schüsse abgegeben, zwei davon trafen Will B.. Dieser wurde mit einem PKW in ein Osnabrücker Krankenhaus verbracht, wo er verstarb. Ob der Sohn, wie ihm die Anklage vorwirft, mit einem Baseballschläger auf Willi B. eingeschlagen hat, bleibt weiter unklar. Lediglich ein MC Outlaw Mitglied bezeugte bisher diese Version. Seine beiden MC-Kollegen verweigern die Aussage, weil gegen sie weiter wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung ermittelt wird.

Der Prozess wird am 15.2. fortgesetzt, dann soll auch der, wegen falscher Lichtverhältnisse ausgefallene, Ortstermin nachgeholt werden.

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