Großverfahren

BKA: Keine Clubs ohne kriminelle Mitglieder, aber nicht alle sind kriminell.

Einblicke in den fragwürdigen "Ehrenkodex" von Rockerclubs vor dem Landgericht Osnabrück

Die Freilassung des wegen Totschlags angeklagten MC Bandidos Präsidenten Wolfgang E. sorgt weiterhin für Aufregung. Angeblich wollen zum nächsten Gerichtstermin 200 Outlaws anreisen, um ihren Unmut zum Ausdruck zu bringen. „Die Situation zwischen den Outlaws und Bandidos ist am Kippen,“ hatte schon ein Mitglied des MC Bandidos am letzten Verhandlungstag berichtet. Er habe nach den Geschehnissen der Tatnacht (16.7.05), in der Willi B. durch Schüsse tödlich verletzt wurde, versucht durch Telefonate und E-Mails einen „Flächenbrand“ zu vermeiden. Dirk H. war nach der Tat von Wolfgang E. alarmiert worden, weil dieser sich um den Schutz seiner Familie sorgte. Nach der Inhaftierung des Rockerpräsidenten besorgte Dirk H. einen Anwalt und kümmerte sich um die Aussenkontakte. Schon am nächsten Tag habe er im Internet ein Gerücht entdeckt, das den wahren Sachverhalt völlig falsch widerspiegelte. „Sie haben ja eine schlimmer Gerüchteküche, als wir in der Gerichtskantine,“ bemerkte die Vorsitzende der Kammer, als sie den Ausführungen des Mitgliedes des MC Bandidos folgte. Um den Gerüchten entgegenzutreten, habe er sich entschlossen Gerichtsunterlagen, die er über den Verteidiger Wolfgang E´s erhalten habe, im Internet zu veröffentlichen. Das sei sein Beitrag zur „Deeskalation“ gewesen, denn er habe „weltweite Konsequenzen“ befürchtet.

Über das Verhältnis der Motorradclubs in Deutschland berichtete auch ein Beamter des Bundeskriminalamtes (BKA). Stefan T. befasst sich seit 1991 mit diesem Thema, das intern mittlerweile dem Referat für Organisierte Kriminalität zugeordnet wurde. Die Bandidos und Outlaws seien eher befreundet gewesen, referierte der Beamte. Auseinandersetzungen habe es eher mit den jetzt verbotenen Hells Angels gegeben. Das Regelwerk der Clubs beinhalte eine generelle Aussageverweigerung zu clubspezifischen Themen, die Polizei werde grundsätzlich nicht gerufen. Das Motto würde eher lauten: „Das regeln wir unter uns.“ Der „Ehrenkodex“ der Clubs sähe vereinsinterne Strafen vor, die von Geldstrafen bis zur unehrenhaften Entlassung (bad stand), der gewaltsamen Wegnahme des Motorrades, einem generellen Kontaktverbot und auch körperlicher Züchtigung gingen. Generell können man feststellen, so der Beamte, daß „es keinen Club ohne kriminelle Mitglieder gäbe, was aber nicht heißt, dass alle kriminell sind.“ Angriffe auf Familienangehörige und Privathäuser seien Ausnahmen. „Dieser Fall ist in Deutschland einmalig,“ beendete Stefan T. seine Ausführungen.

Schlimmer sieht es in den Nachbarländern aus: In Skandinavien wurden in den 80er und 90er Jahren zwölf Mitglieder der Hells Angels und Bandidos umgebracht. Tatwaffen u.a.: Maschinenpistolen und Panzerabwehrrakteten. In den nordischen Ländern ging es um Verteilungskämpfe. »Motorrad-Klubs sind Gelddruckmaschinen« schrieb das norwegische Dagbladet schon 1995. Alkohol- und Drogenhandel, Schutzgelderpressung, Prostitution und Waffenhandel wurden den skandinavischen Rockern vorgeworfen.

Der spektakulärste Fall der jüngsten Vergangenheit wird aus den Niederlanden berichtet. In einem Hochsicherheitstrakt in Amsterdam findet zur Zeit ein Prozess wegen Mordes von drei Mitglieder des MC Nomads (Teil der Hells Angels) statt. Hintergrund: Internationaler Drogenhandel. Einem der Opfer, Paul de Vries, werden selber 15 Morde im Drogenmilieu zur Last gelegt. Er wurde, so die Anklage, von seinen eigenen Clubmitgliedern zum Tode verurteilt.

 

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