Großverfahren

„Das Böseste was das Internet je gesehen hat“

Einer der größten Autodialer Prozess in Deutschland - 12 Millionen Euro Schaden

 

Zwei Anzeigen aus Osnabrück wegen eines Internetbetruges hatten für das Landgericht Osnabrück weitreichende Folgen: 30000 Seiten Anklageschrift - einer der größten Prozesse dieser Art in Deutschland. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft führten jetzt zur Eröffnung der Hauptverhandlung gegen vier Männer aus Nordrhein-Westfalen im Alter von 26 bis 37 Jahren. Wegen der „technisch außerordentlich komplizierten Materie“ hatte der Vorsitzende der Strafkammer für seine beiden Berufskollegen und die beiden Laienrichter Nachhilfe organisiert. Ein Fachmann hatte sie in die Welt Computertechnologie, des Internets und vor allem der Dialer eingeführt. Spezielle Einwahlprogramm (Dialer) wurden von den Angeklagten erst legal und von 2002 bis 2003 als sogenannte Autodialer illegal eingesetzt. Der Gesamtschaden beläuft sich laut Staatsanwaltschaft auf 12 739 000 €. Bezahlt wurde die Summe von vielen Internetnutzern, die sich die Programme ohne ihr Wissen und Zutun auf Erotik- und Pornoseiten im Netz „eingefangen“ hatten. Drei der vier Angeklagten (2 von ihnen sitzen in U-Haft) zeigten sich am ersten Verhandlungstag geständig, machten allerdings widersprüchliche Angaben zu ihren Tatbeiträgen. Jan A. aus Paderborn schildert sich als jemand, der als Zulieferer von Kundenverkehr (Traffic) im Netzwerk für die Gruppe tätig gewesen sei. Seine Aufgabe war es möglichst viele User (Nutzer) auf kostenpflichtigen Seiten zu locken. Dieses wurde vom, in Lettland geborenen Hauptangeklagten, Edward B. bestritten. Als „Platzhirsch“ stellte er seinen Mitangeklagten dar: „Jan hätte sogar seine Großmutter verkauft, wenn der Preis gestimmt hätte.“ Nachdem das anfängliche Geschäft mit sogenannten legalen Dialern, bei denen noch Sicherheitsabfragen und Preishinweise erschienen, nicht mehr so gut lief, entschloss man sich „zur Steigerung des Geschäftsvolumens“. Man veränderte durch Umprogrammierung der Quelltexte die Einwahlprogramme so, dass die User überhaupt nicht mehr mitbekamen, dass ihre ursprüngliche Verbindung gekappt und eine neue, kostenpflichtige installiert worden war. Die Preise pro Minute betrugen anfänglich 1,86 €. Später wurde bei der ersten Einwahl auch schon mal 45 € fällig. Ein weiterer Angeklagte, Ralf K., war für die Statistik zuständig. „Das lief in Echtzeit, so dass wir jederzeit sehen konnte, wie viele User, wie lange in den Verbindungen waren,“ schilderte der ehemalige Krankenpfleger aus Essen seinen Beitrag. Zuletzt habe er durch Batchprozesse (Stapelverarbeitung) zertifizierte Dialer in wenigen Stunden zu 4000 illegalen umgearbeitet. Zum Teil handelte es ich dabei um Programme in unsichtbaren Frames (Webseiten-Rahmen), die 0 mal 0 Pixel groß gewesen seien. Um deren Installation zu ermöglichen wurden Sicherheitslücken (vornehmlich beim Internet-Explorer) ausgenutzt, Registrierungen verändert und gängige Warnprogramme ausgeschaltet. Dabei war es der Tätergruppe letztlich egal, ob weiterhin Porno- oder andere Seiten angezeigt wurden. Ihnen ging es um die möglichst lange Aufrechterhaltung der teuren Verbindung. Durchschnittlich sei jeder User 8 Minuten geblieben, am Tag kamen so bis zu 5000 abzurechnende Minuten zusammen. Wenn überhaupt Beschwerden die Adressaten erreichten, wurden die Kunden erst abgewimmelt oder später durch Rückerstattung ruhiggestellt. Weil die Konkurrenz nicht schlief und der Erotikmarkt 2002 regelrecht mit Dialern überflutet worden sei, sei es, so Edward B., zu einem regelrechten Wettrüsten gekommen. Dabei sei Jan A. die treibende Kraft gewesen. Osteuropäische Programmierer hätten ihn mit immer ausgeklügelteren Programmen versorgt, die auf sein Beteiben hin entwickelt wurden. Jan habe von sich selbst behauptet: “Manche meiner Ideen sind das Böseste, was das Internet je gesehen hat.“

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