Großverfahren

Nach der Haft wartet die Millionenbeute

Autodialerprozess: Weltweites Firmen- und Kontennetz wurde von Osnabrücker Staatsanwalt enttarnt

Osnabrück (kno) – „Ein Revision ist so sicher wie das Amen in der Kirche.“ Mit diesen Worten kommentierte ein Rechtsanwalt das soeben vom Landgericht Osnabrück gesprochene Urteil gegen seinen Mandanten im bisher größten Prozess wegen gewerbs- und bandenmäßigen Computerbetruges in Deutschland. 4 Jahre soll der in Lettland geborene Edward B. (31 J.) hinter Gitter. Der mitangeklagte Jörg H. (35 J.) soll ihm für 3,3 Jahre folgen. Ursprünglich standen vier Angeklagte vor Gericht. Nach umfänglichen Geständnissen waren zwei von ihnen mit Bewährungsstrafen (18 und 22 Monate) davon gekommen. Eine Herkulesaufgabe hatten das Staatsanwaltschaft und die 10. Strafkammer des Landgerichts Osnabrück zu bewältigen. 30000 Seiten Akten wurden an jedem der 21 Prozesstage in den Schwurgerichtssaal geschoben. Bei weit über 100.000 Geschädigte war ein Schaden von insgesamt 12 739 000 Euro errechnet worden. Im Jahre 2002 hatten sich die Angeklagten kennensgelernt. Alle waren mit der Erstellung und der Vermarktung von Sexseiten im Internet beschäftigt. Einer von ihnen war als sogenannter „traffic-broker“ eine weltweite Größe, er sorgte für viel Verkehr auf den Schmuddelseiten, die mittels Dialern abgerechnet wurden. Anfänglich handelte es sich dabei um legale Abrechnungssysteme, die über die Telefonrechnung abgewickelt wurden. Erklärte der Internetnutzer, der mehr als kleine Vorschaubilder sehen wollte, seine Zustimmung, wurde seine bestehende Internetverbindung gekappt und über eine Mehrwertnummer wieder hergestellt. Um die oftmals nicht erfolgte Zustimmung von Nutzern zu erlangen, entwickelten die Angeklagten immer ausgeklügeltere Methoden. Erst wurden die Kostenhinweise im Kleingedruckten versteckt, dann fehlten sie gänzlich. Ein Hindernis auf dem Wege der Umsatzsteigerung waren die Sicherheitsanfrage der PC-Systeme, die eine Eintragung in der Registrierungsdatenbank erforderlich machte, bevor die Einwahlprogramme installiert werden konnten. Programmierer aus Lettland lösten das Problem. Nach einer einmaligen Eintragung installierten sich die Programme beim nächsten Besuch von Sexseiten automatisch. Weitere Verfeinerungen folgten: Der Modemton wurde ebenso abgeschaltet, wie Dialerwarnprogramme. Zuletzt erreichte man den Gipfel. Völlig unbemerkt wurden unter der Ausnutzung von Sicherheitslücken kleinste „mini-loader-Programme“ (exploits) installiert, die kostenpflichtige Verbindungen herstellten. Abgerechnet wurden entweder 1,86 pro Minute oder ein Blocktarif von 45 €. Bei den Minutentarifen schaltete sich das Programm erst verspätet ab und löschte sich danach automatisch, um Spuren zu verwischen.

Zwei Anzeigen im Bereich der Staatsanwaltschaft Osnabrück hatten den Fall ins Rollen gebracht. Entdeckt wurde ein weltweites Firmen- und Kontennetz mit 2-stelligen Millionenumsätzen. Dass die verurteilten Täter ihre Beute behalten dürfen, bedauerte der Vorsitzende des Landgerichts Osnabrück. Die Kammer konnte angesichts der noch gültigen Rechtslage den, von der Staatanwaltschaft geforderten, „erweiterten Verfall“ von 7,55 Mill. Euro nicht anordnen. Der Satz: „Straftaten dürfen sich nicht lohnen“, klang vor diesem Hintergrund, wie ein frommer Weihnachtswunsch.

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