Großverfahren

Dialerprozess: Wildweststimmung in der Branche

Schadenssumme von 12 Millionen Euro wird bestritten

 

Schwurgerichtsaal des Landgerichtes Osnabrück. Tag zwei im Autodialerverfahren. Angeklagt vier Männer, die zwischen 2002 und 2005 durch den Einsatz von illegalen Autodialern 12 Millionen Euro im Internet ergaunert haben sollen. Gehört werden sollte eine Sachverständiger, der schon während der Ermittlungen der Polizei gegen die vier Angeklagten als Fachberater tätig war. Doch dazu kam es nicht. Erst fiel die ohnehin betagte Tonübertragungsanlage im großen Schwurgerichtssaal völlig aus, dann stellte der Anwalt des Hauptbeschuldigten Edward B. einen Befangenheitsantrag gegen den Sachverständigen. Dieser sei nicht mehr neutral, da er während der Ermittlungen nicht nur Computer ausgewertet, sondern aktiv eigene Ermittlungen angestellt habe. Außerdem soll er bei Vernehmungen dabei gewesen sein. Genau dieses sei ihm aber nach § 80 der Strafprozessordnung gestattet, erwiderte der Vorsitzende der 10. Großen Strafkammer in seiner Begründung zur Ablehnung des Antrages. Nun wäre der Weg frei gewesen, den Sachverständigen, der eigens aus Senden bei Münster angereist war, zu hören. Doch er musste weiterhin warten. Verlesen wurde der zweite Teil einer Einlassung von Edward B. in der er die Schadensumme bestritt. Er gestand den Einsatz von Autodialern, die für den Internetnutzer unbemerkt hohe Telefonkosten verursachten. Die errechnete Summe sei aber deshalb falsch, weil Kennnummern von Dialer sowohl legal, als auch illegal genutzt worden sein. Er habe, so der 29-Jährige dazu beigetragen das Sicherheitszertifikate auf PCs von Nutzern legaler Dialer hinterlegt worden seien. Dieses sei aber nicht, wie es in der Anklageschrift stünde, in der Absicht geschehen, später illegale Dialer unbemerkt installieren zu können. Er stellte sich dann als reuigen Sünder dar, der zwar wusste, dass er sich strafbar machte, aber durch Kundenwünsche veranlasst worden zu sein, immer ausgefeiltere Betrugsdialer zu entwickeln. Nach seinen Ausführungen erwarteten die Zuhörer des Prozesses nun die fachkundigen Erläuterungen des Sachverständigen. Dazu kam es nicht, denn nun wollte sich auch Jörg H. aus Paderborn äußern. Nachdem er am ersten Prozesstag selbst geschwiegen und erst mal die Einlassungen seiner Mitangeklagten verfolgt hatte, verlas er nun eine 21-seitige Erklärung an deren Ende er zugab, andere Menschen finanziell geschädigt zu haben, was er bedauere. Er schilderte seinen Werdegang vom Marketingberater zum Internetbetrüger. Zuerst habe er mit seiner Firma mediapeople-GmbH Kunden beraten, die Mehrwertnummern und das sogenannte onlinepayment (anonymes Zahlungsverfahren im Internet) einsetzten wollten. Das sei alles ganz seriös gewesen, bis er dann 2001 Edward B. und dessen Geschäftspartner kennen gelernt habe. „Es herrschte eine regelrechte Wildweststimmung“, schilderte er die damalige Stimmung in der Branche. Nach und nach sei es dann durch die Herstellung eigener Dialer und deren Manipulation zum Betrug nichtsahnender Internetsurfer gekommen. Dabei habe man auch auf die verstärkte Berichterstattung in den Medien reagiert. So wurde eine vom Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ zur Verfügung gestellte Dialerwarnsoftware schon nach kurzer Zeit durch eigene Programme ausgeschaltet.

Nach einer weiteren Erklärung des Angeklagten, Jan A., der sich gegen die Beschuldigungen seiner Mitangeklagten verwahrte, war der Prozesstag beendet. Der Sachverständige reiste unverrichteter Dinge wieder ab. Er wurde für den nächsten Prozesstag am 1.6.2002 erneut vorgeladen.

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