Großverfahren

Dialerbetrug: Internationales Firmengeflecht. Schritt für Schritt in die Illegalität

„Manche waren zickig. Nur jeder Dritte bei Vollmond“

 Der Prozess vor dem Landgericht Osnabrück wegen Internetbetrügereien mit Hilfe von Autodialern entwickelt sich immer mehr zu einer Expertenrunde. Vier Angeklagte müssen sich verantworten, weil sie laut Anklage durch den Einsatz von manipulierten Einwahlprogrammen (Dialern) 12 Millionen Euro ergaunert haben sollen. Der Staatsanwalt musste sich vor Prozessbeginn durch 30.000 Seiten Aktenmaterial wühlen, um zu klären, was legal und was illegal war. Und auch dem Gericht und den Anwälten blieb nicht anderes übrig als sich schlau zu machen. Das Gericht informierte sich bei Experten, die Anwälte hatten ihre Mandanten. Alle vier haben umfangreiche Geständnisse abgelegt und zeigen sich kooperativ. Auf Nachfragen des Gerichts antworten sie mitunter in langen Erklärungen, die gespickt sind von Fachbegriffen. Ein Sachverständiger verfolgt den Prozess und wird an einem der nächsten Tage sein Gutachten präsentieren. Bevor sich die Gruppe 2001, natürlich übers Internet kennen lernte, waren die Angeklagten jeweils als Einzelunternehmer seriös tätig. Einer baute Internetseiten und verdiente an den von ihm erzeugten Kundenstrom (traffic). Zwei der Mitangeklagten beschäftigten sich mit Abrechnungssystemen im Internet, der vierte hatte sich vom Krankenpfleger auf Programmierer umschulen lassen. Nach ersten Kontakten knüpften sie ein internationales Firmennetz: Geschäftspartner und Konten in den USA, Programmierer in Osteuropa. Schritt für Schritt dann der Weg in die Illegalität. Getrieben von der Aussicht auf immer größere Gewinne, veränderten sie legale Dialer durch Weglassen von Kostenhinweisen und Abschaltmöglichkeiten oder durch Veränderungen von Sicherheitszertifikaten soweit, dass ein Internetnutzer, der, absichtlich oder zufällig, auf eine Erotikseite gelangte, überhaupt nicht mehr mitbekam, dass seine reguläre Verbindung gekappt und eine neue, kostenpflichtige aufgebaut wurde. Die zuletzt durch ein eigens erstelltes Windows-Programm bearbeiteten Dialertypen wurden sowohl bei Kunden eingesetzt, wobei man mitverdiente, als auch auf eigene Seiten eingebaut. Manche ihrer Kunden seien „zickig“ gewesen. Sie duldeten es nicht, dass jeder, der ihre Seiten besuchte einen Autodialer auf seinen Rechner lud. „Bei manchen durfte es nur jeder Dritte, bei Vollmond sein,“ kommentierte einer der Angeklagten diese Zurückhaltung. „Der hatte ein Unrechtsbewusstsein,“ entgegnete ihm der Vorsitzende der Strafkammer. Andere Internetportale seien regelrechte „Dialerschleudern“ gewesen, schilderte ein Angeklagter. Für diese Kunden habe man maßgeschneiderte Angebote erstellt. So sei auch mit einem „Blocktarif“ experimentiert worden. Statt eines Minutentarifs (1,86€/min) sei jedem zehnten Besucher für eine einmalige Einwahl 45 Euro berechnet worden. Um den damit verbundenen Betrug zu relativieren, fügte er hinzu:“ Dafür durfte er aber auch 24 Stunden das Angebot nutzen.“ Das wäre immerhin billiger gewesen, als wenn die Zeit in Minuten abgerechnet worden sei.

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