Berufungen

4 Nordhorner Berufungen vor dem Landgericht Osnabrück - Nur eine hatte Erfolg

Anwalt über Presse: „Das liest sowieso kein Schwein.“

Osnabrück (kno) – Vier Berufungsverhandlungen gegen Urteile des Amtsgerichtes Nordhorn waren am Montag dieser Woche beim Landgerichts Osnabrück angesetzt. Bilanz: Eine Verhandlung wurde abgesagt. Ein Angeklagter erschien nicht, seine Berufung wurde verworfen. Eine Berufung wurde zurückgenommen. Nur eine Berufung hatte Erfolg. Das Urteil wurde abgemildert.

 

Ein ganzer normaler Montag in der Ferienzeit am Landgericht Osnabrück. Um 9 Uhr soll die erste Berufungserhandlung wegen Insolvenzverschleppung und Betruges gegen einen 50-Jährigen aus Uelsen stattfinden, der vom Amtsgericht Nordhorn zu einer Freiheitsstrafe von 1 Jahr und 5 Monaten verurteilt worden war. Der Verhandlungssaal ist geschlossen, kein Aushang weist auf dein anstehende Verhandlung hin. Eine Nachfrage im Vorzimmer des Richters ergibt: Die Kammer betrachtet sich nicht als zuständig, weil es sich um eine Wirtschaftsstrafsache handelt und wurde weitergereicht. 9.15 Uhr: Ein anderer Saal, eine andere Strafkammer. Angesetzt ist eine Berufungsverhandlung gegen einen 31-jährigen Nordhorner, der vom Amtsgericht zu einer Geldstrafe von 400 Euro (40 Tagessätze á 10 Euro) verurteilt worden war, weil er beim Überqueren der Grenze aus den Niederlanden mit 1,02 Gramm Marihuana erwischt worden war. Pünktlich betritt der vorsitzende Richter mit 2 Schöffen den Raum, in dem schon die Staatsanwältin und die Protokollführerin Platz genommen haben. Der Richter fragt: „Wo ist der Angeklagte?“ Eine rhetorische Frage, denn kurz darauf verliest er ein Schreiben des Angeklagten, in dem dieser darum bittet, die Verhandlung auf einen späteren Zeitpunkt zu verlegen, weil es ihm nicht möglich sei, so früh von Nordhorn nach Osnabrück zu gelangen. Der Richter, wohnhaft in Rheine, kennt die Fahrpläne der Region und erläutert: Um 7.18 Uhr fährt von Nordhorn ein Bus zum Bahnhof nach Bad Bentheim, von dem aus es mit dem Zug um 7.57 Uhr weitergeht nach Osnabrück. Ankunft 8.46 Uhr. Er habe, so der Richter dem Angeklagten entsprechend zurück geschrieben: „Der Termin ist zumutbar.. Osnabrück rechtzeitig erreichbar,... wie für viele Berufspendler auch.“ Die Berufung wird folgerichtig verworfen. Nach einem längeren Aufenthalt in der Kantine, geht es um 11 Uhr mit der nächsten Verhandlung weiter. Der 39-Jährige Angeklagte ist in Begleitung seines Anwaltes erschienen. Er konnte auch nicht anders, weil er zur Zeit eine 15-monatige Haftstrafe in Lingen, wegen Wohnungseinbruchs absitzt und vorgeführt wurde. Die Berufung richtet sich gegen eine weitere Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung. Er hat seinem Cousin mehrmals in alkoholisiertem Zustand (BAK: 2,81 ‰) eine Bierflasche auf den Kopf geschlagen und soll dafür 14 Monate in Haft. In der kurzen Verhandlung wird deutlich: Die Berufung ist aussichtslos. Der Angeklagte bringt 19 Voreintragungen mit. Der Richter deutet eine Einweisung in eine Entziehungsanstalt an. Es kommt zu einer kurzen Besprechungspause. Als der übergewichtige Angeklagte den Pressevertreter im Saal wahrnimmt, fragt er seinen Rechtsanwalt, wer das denn sei. „Der ist von der Presse. Aber das liest sowieso kein Schwein,“ antwortet ihm der Advokat. Wenig später nimmt er im Namen seines Mandanten die Berufung zurück. Nach der Mittagspause kommt es zur vierten  Berufungsverhandlung mit Nordhorner Beteiligung an diesem Tage im Landgericht: Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung, Beleidigung und Betrug werden dem 48-Jährigen zur Last gelegt. Er soll nach einem Urteil des Amtgerichts Nordhorn für 1 Jahr ins Gefängnis. Der Hausfriedensbruch wird eingestellt. Es bleiben ein eingeschlagene Scheibe an einer Gaststätte, ein betrügerischer Missbrauch einer Kreditkarte mit einem Schaden von 26,13 Euro und als stärkster Vorwurf die Beleidigung eines Lehrers im Beisein von Grundschülern. Als diese anläßlich einer Klassenfahrt auf den Nachtwächter in Bad Bentheim warteten, erschien der Angeklagte und fragte den Lehrer nach Pythagoras. Als dieser nicht wie erwartet antwortete, wurde er als „dumm“ und als „Brathahn“ bezeichnet. In anderen Fällen, wäre der Angeklagte mit einer Bewährungsstrafe davon gekommen. Da er aber bereits 26 Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht hat, weil er immer wieder wegen solcher Vergehen auffällig geworden ist, kommt er auch diesmal nicht um einen Gefängnisaufenthalt herum. Das Landgericht mildert die Strafe auf 6 Monate ab, was den Angeklagten aber nicht von wüsten Beschimpfungen abhält, die der weise Richter einfach überhört. Auf der Treppe des Landgerichts verkündete der soeben Verurteilte einer Schülergruppe lauthals die, seiner Meinung nach, schreiende Ungerechtigkeit: „Ich soll für 6 Monate in den Bau, weil ich Brathahn gesagt habe. Kinderschänder laufen frei rum.“ Dann richtete er sich aggressiv an den Pressevertreter: „Schreib bloß die Wahrheit.“ „Die liegt im Auge des Betrachters“, antwortete der Angesprochene und wendete sich sicherheitshalber ab.

 

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