Jugendliche

Amtsrichterin machtlos gegenüber respektlosem Jugendlichen

Schlägerei auf dem Erntedankfest in Altenmelle konnte nicht vollständig geklärt werden

Osnabrück (kno) – Amtsgericht Osnabrück, kurz vor neun Uhr und ein ratloser Justizbeamter: „Hier in der JVA haben wir den nicht.“ Gemeint ist einer von zwei Angeklagten, ein 18-Jähriger, der bereits 2007 wegen eines Raubes und einer gefährlichen Körperverletzung zu 1 Jahr und 2 Monaten verurteilt worden war und eigentlich aus dem Jugendarrest in Göttingen überstellt werden sollte.

 

Doch weil er sich dort gut benommen hat, bekam er für seine Verhandlung in Osnabrück Freigang. Auch der zweite Angeklagte ist kein unbeschriebenes Blatt. „Wir kennen uns ja schon,“ begrüßt die Amtsrichterin denn auch den einen der beiden. Die Angeklagten waren laut Anklage am 8. September 2007 in Altenmelle an einer Schlägerei beteiligt, die zu einer Schädelprellung, einer Beckenverletzung und einem blauen Auge bei einem 18-Jährigen führte. Das Erntedankfest 2007 wurde auf einem Spielplatz an der Justus-Möser Strasse gefeiert. Gegen 22 Uhr dann der erste Vorfall, an dem mehre jungen Männer beteiligt waren. Ein Gartenbaulehrling hatte unweit des Festplatzes gegen eine Mauer uriniert und war dabei von anderen beobachtet worden. Wollten sie ihn nun zur Ordnung rufen oder nahmen sie die unschöne Handlung nur zum Anlass für eine Auseinandersetzung? Fest steht es gab eine verbale Auseinandersetzung und dann eine Ohrfeige. Geschädigter war allerdings nicht der Pinkler, sondern sein 18-jähriger Freund, der ihm zur Hilfe kommen wollte. Er wurde eine halbe Stunde später von dem 18-jährigen Angeklagten auf eine angeblich beschädigte Lederjacke angesprochen. Kurz darauf wurde er dann zu Boden gestoßen und von mehreren Jugendlichen mit Füssen traktiert.

Für die Amtsrichterin war es nicht leicht den Sachverhalt aufzuklären, obwohl ihr von der Staatsanwaltschaft sieben Zeugen genannt worden waren. Alle erschienen, doch der Erkenntnisgewinn ihrer Aussagen war „unergiebig“, wie die Anklägerin später einräumen musste. Das Opfer, der 18-Jährige, konnte sich in der Verhandlung nicht mehr erinnern, wer ihn geohrfeigt hatte. Auch konnte er nicht angeben, wer konkret ihn getreten hatte. Er wirkte ebenso eingeschüchtert, wie der pinkelnde Gartenbaulehrling, der überhaupt nichts gesehen haben will, obwohl er unmittelbar daneben stand, als die Ohrfeige verabreicht wurde. Der dritte Zeuge konnte immerhin bestätigen, dass der 18-jährige Angeklagte das Opfer in ein Gebüsch gestoßen habe. Dann allerdings sei er weggelaufen, weil er „keinen Stress haben wollte.“ An die Herbeirufung von Hilfe für seinen Freund habe er nicht gedacht. Endlich, beim vierten Zeugen platzt der Richterin der Kragen: „Wir sind hier nicht in einer Kasperleveranstaltung. Zeugen haben dem Gericht gegenüber Respekt zu zeigen und die Wahrheit zu sagen.“ Doch der Zeuge zeigt keine Wirkung. Auch nicht, als die Richterin dem unflätig Dasitzenden mit einem Prozess wegen Falschaussage droht. Drei weitere Zeugen werden gehört. Einer hat nichts gesehen. Einer war erst nach den Vorfällen auf das Fest gekommen. Der dritte Zeuge ist ein Bruder eines Angeklagten und verweigert die Aussage.

Trotz der dürftigen Beweislage beantragte die Staatsanwältin für den 18-Jährigen eine Erweiterung des Jugendarrestes von 14 auf 21 Monaten. Für den 19-Jährigen blieb ihr nach dem Prozessdesaster nicht anders als einen Freispruch zu beantragen. Diesen forderte der Verteidiger nicht ohne Grund auch für seinen Mandanten, den 18-Jährigen.

Die Amtsrichterin verurteilt ihn zu weiteren 4 Monaten Jugendarrest wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung. Von einer höheren Strafe sah sie ab, weil sie ihm die Tritte nicht nachweisen konnte. Der zweite Angeklagte wurde wegen der Ohrfeige zu 40 Stunden gemeinnützigem Dienst verurteilt. Er kam, wie sein Opfer mit einem „blauen Auge“ davon.

 

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