Jugendliche

Messerstecher zu 3 Jahren Jugendhaft verurteilt

 Landgericht Osnabrück: Schmerzensgeld wird von der Familie bezahlt

Osnabrück (kno) – Selten werden vom Landgericht Osnabrück Urteile gefällt, in denen die Kammer über das beantragte Strafmaß der Staatsanwaltschaft hinausgeht. Im Falle des 19-jährigen Hussein H. aus Nordhorn war es aber so: Nach dem die Staatsanwältin eine Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung zu 2 Jahren und 8 Monaten beantragt hatte, entschied die Jugendkammer des Landgerichts, dass der Angeklagte für 3 Jahre in Haft soll, weil er einem 15-Jährigen ein Messer durch das Ohr in den Hals gestochen hat.

 Das Urteil fiel schon am zweiten Tag des ursprünglich auf vier Tage angesetzten Prozesses: Der Sachverhalt, der dem Angeklagten zur Last gelegt worden war, stand fest. Der 19-jähriger Nordhorner mit arabischen Wurzeln hatte schon am ersten Verhandlungstag durch seinen Anwalt eingestanden, dass er am 18.8.2011 einem 15-jährigen Schüler aus Nordhorn im Hausflur dessen Elternhauses mit einem großen Küchenmesser durch das Ohr in den Hals gestochen hatte. Allerdings habe er dabei keinen Tötungsvorsatz gehabt, wie es in der Anklage stände. Hintergrund der Tat war ein schon länger bestehendes freundschaftliches Verhältnis des Jungen zur „Verlobten“ des Messerstechers, welches auch zu sexuellen Kontakten geführt hatte. Davon hatte er schon längere Zeit Kenntnis gehabt. Kurz vor der Tat hatte der 19-Jährige in einem Streit von zwei weiteren Seitensprüngen erfahren und sich dann entschlossen dem Nebenbuhler einen Denkzettel zu verpassen, sodass dieser „sich immer an mich erinnern wird“, wie er später bei der Polizei einräumte.  Ein Gerichtsmediziner aus Oldenburg erklärte dem Gericht am zweiten Verhandlungstag an Hand von Fotos wie knapp der Junge einer vielleicht tödlichen Verletzung entgangen sei. Nur wenige Zentimeter neben dem Einstich hinter dem Ohr verlaufen die Halsschlagader und die äußere Drosselvene. Außerdem hatte der Mediziner zwei horizontal verlaufende Schnitte am Hals des Opfers festgestellt: „Wenn es ein richtig scharfes Messer gewesen wäre, hätten es schwerwiegende Folgen gehabt.“ In ihrem Plädoyer rückte die Staatsanwältin vom Tötungsvorsatz, den sie noch in der Anklage genannt hatte ab. Der Angeklagte habe zwar bei der Polizei gesagt, dass es ihm „scheißegal“ gewesen sei, ob das Opfer bei seinem Angriff sterbe, doch er habe eben auch gesagt, dass dieser sich „immer an ihn erinnern“ solle. Das sei dem Angeklagten gelungen, denn der Schüler habe eine Narbe hinter dem Ohr und erhebliche psychische Folgen zu tragen. Sie beantragte eine Jugendstrafe von 2 Jahren und 8 Monaten. Ganz anders die Rechtsanwältin des Opfers, Birte Wolken, die 5 Jahre Haft wegen versuchtem Totschlages beantragte. Als ausgebildeter Kampfsportler hätte der Angeklagte kein Messer benötigt, um dem Jungen Angst zu machen oder ihn zu schlagen. Sein Ziel sei die Tötung des Jungen gewesen, als er gezielt auf dessen Hals eingestochen habe. Auch sei es vollkommen lebensfremd, dass er absichtlich ein stumpfes Messer mitgenommen habe, um die Verletzungsfolgen in Grenzen zu halten. Genau das aber behauptete anschließend, der Verteidiger des Angeklagten: „Ein großes Messer macht mehr Angst.“  Tatwerkzeug: „Ein Messer von beeindruckender Größe,“ wie der Richter am Landgericht Osnabrück feststellte. Das Messer sei zwar stumpf, aber spitz, sodass keine besondere Kraftaufwendung für den Stich durchs Ohr in den Hals notwendig gewesen sei, stellte der Verteidiger in seinem Plädoyer fest. Die Verletzung könne auch Folge eines Gerangels um das Messer gewesen sein. Abbildung: Vergleichbares Küchenmesser. Einer Ablichtung des Originals hatte der Verteidiger widersprochen. Sein Mandant habe die Messer in der Küche seiner Verlobten gekannt und  sich bewusst zur Mitnahme eines stumpfen Messers entschlossen, weil er seinen Nebenbuhler lediglich einschüchtern wollte. Wenn er ihn hätte verletzen wollen, so wäre ihm das als Kickboxer ein Leichtes gewesen. Es handle sich, so der Anwalt weiter, um einen minderschweren Fall von Körperverletzung, denn sein Mandant habe eine „erhebliche Ehrverletzung“ durch die sexuellen Kontakte des Opfers zu seiner „Verlobten“ erfahren, sei somit beleidigt und schwer gekränkt worden. Die Verletzung sei Folge einer Rangelei um das Messer gewesen. Durch seine Selbststellung bei der Polizei habe der Angeklagte gezeigt, dass „er sich dem hier herrschenden Rechtssystem unterwerfe“. Außerdem habe er durch die Zusicherung einer Schmerzensgeldzahlung einen Täter-Opfer Ausgleich vollzogen. Seit 2009 habe der 19-Jährige gezeigt, dass er straffrei leben können. Der Angeklagte bräuchte lediglich eine „führende Hand“, da von ihm keine Straftaten mehr zu erwarten seien. Der Anwalt beantragte eine Bewährungsstrafe von 1 Jahr und 6 Monaten. Die Jugendkammer des Landgerichts Osnabrück beurteilte den Fall anders: Der 19-jährige wurde zu 3 Jahren Haft wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Mit den Worten: „Sie wollten ihn verletzen“, wandte sich der Richter direkt an den Verurteilten: „Sie kannten die Gefährlichkeit des Messers.“ Die Kammer habe bei ihm „schädliche Neigungen“ festgestellt. Die Entschuldigung für die Tat sei beim Opfer „nicht richtig rübergekommen“ und das zugestandene Schmerzensgeld bezahle seine Familie. Eine Rückkehr zur Bundeswehr, wo er wegen Misshandlung eines Kameraden und einem sexuellen Kontakt zu einer 16-Jährigen auf seiner Stube entlassen wurde, sei eher unwahrscheinlich, so der Richter. In der Haft habe er nun Zeit, darüber nachzudenken, was er aus seinem Leben machen wolle.

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