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Neun Nasen am ersten und am nächsten Tag drei

Amtsgericht Osnabrück: Verfahren wegen Drogenabgabe an Minderjährige geht in die nächste Runde Osnabrück

Ursprünglich war ein Verhandlungstag vor dem Amtsgericht Osnabrück geplant für einen Prozess gegen einen 36-Jährigen und einen 47-Jährigen aus Melle, denen die Abgabe von Drogen an eine Minderjährige vorgeworfen wurde. Als die Hauptbelastungszeugin zum ersten Termin nicht erschien, wurde ein zweiter angesetzt in dessen Verlauf weitere Fragen auftauchten, die zusätzlich Verhandlungstage erforderlich werden ließen. Am nunmehr 4 Verhandlungstag gab für einen den älteren ein erfreuliches Ende. Nachdem sich die Vorwürfe gegen ihn nicht aufrechterhalten ließen, sprach ihn das Amtsgericht frei. Für den zweiten Angeklagten, der die Drogenabgabe bestreitet, bleibt der Anklagevorwurf bestehen. Bereits zum dritten Mal nahm am 4 Verhandlungstag die jetzt 15-Jährige auf dem Zeugenstuhl Platz. Es ging weiterhin um die Frage, warum die ehemalige Bewohnerin einer Jugendeinrichtung in Melle vor einem Jahr bei der Polizei in Ennepetal (NRW) angegeben hatte, zuerst von dem 47-Jährigen und später von dem jüngeren Angeklagten mit Drogen versorgt worden zu sein. Sie habe in der Wohnung des Älteren, so heißt es im Polizeiprotokoll „am ersten Tag neun und am nächsten Tag drei Nasen gezogen“. Später habe sie dann 15 bis 20 mal vom Jüngeren „Stoff“, also Drogen wie „Pep“ (Amphetamin) „Koks“ (Kokain), „Shore“ (Heroin) und Alkohol bekommen.
Diese Aussage, so gibt die Zeugin nun zu, sei auf Druck ihrer Mutter entstanden, nachdem ein Drogentest bei ihr positiv ausgefallen sei. Ihre Mutter habe gewollt, dass sie alle Personen nenne, die dabei waren. Jetzt, vor Gericht, erklärt sie, dass der ältere Angeklagte nicht dabei war und lässt zögernd erkennen, dass der erste Drogenkontakt bei einer Freundin stattgefunden hat. Deren Namen wolle sie aber nicht nennen, so die Zeugin. Es erfolgen die ersten Ermahnungen durch den Richter und den Staatsanwalt, mit dem Hinweis auf die gesetzliche Pflicht. Schließlich nennt sie den Namen der Freundin und wenig später den des 22-jährigen Freundes. Es folgen weitere Nachfragen und die Zeugin gerät immer mehr unter Druck. Irgendwann spürt sie, dass sie ihr Lügengespinst, in dem sie sich verfangen hat, nicht aufrechterhalten kann. Es stellt sich heraus, dass sie den 47-Jährigen nur belastet hat, weil sie ihre Freundin vor Ermittlungen schützen wollte. Nun geht es um den 36-Jährigen: Dessen Anwältin weiß, dass die Zeugin bei ihrem letzten Besuch im Amtsgericht mit Drogen im Gepäck erschienen ist und fragt direkt: „Haben Sie heute Drogen genommen?“ Die Zeugin verneint. Als dann der Grund für einen geplanten Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik im April 2011 durch die junge Zeugin Thema der Befragung wird, beginnt diese zu weinen. Der Staatsanwalt erkennt die Not des Mädchens und drängt nachdrücklich auf eine Unterbrechung der Verhandlung.
In dieser sinnvollen Pause beraten die Prozessbeteiligten den weiteren Vorgang des Verfahrens. Anschließend stellt die Verteidigerin des 36-Jährigen Martina Goldkamp-Abraham den Antrag auf Hinzuziehung eines Sachverständigen, der ein aussagepsychologisches Gutachten erstellen soll. In ihrer 3-seitigen Begründung verweist Goldkamp-Abraham auf die zahlreichen Widersprüche in den verschiedenen Aussagen der Zeugin. Staatsanwalt Robert Lorenz hält ein Gutachten für sinnvoll, auch wenn er nicht möchte, dass die junge Zeugin „als die Böse“ hingestellt wird. Nachdem der Antrag vom Gericht beraten wurde, geht es ganz schnell. Die Verfahren gegen die Angeklagten werden getrennt und der Staatsanwalt hält ein sehr kurzes Plädoyer: „Ich beantrage einen Freispruch, weil in Bezug auf den 47-jährigen Angeklagten kein Tatnachweis zu führen ist.“ Das war das angekündigte Ziel von Verteidiger Gerhard Schulze, der sich dem Staatsanwalt anschließt. Für den Mitangeklagten geht es nach der Begutachtung der Zeugin in die nächste Runde. Ein Termin wird neu angesetzt.

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