Körperverletzung

Zeuge der Messerstecherei vorrübergehend telefonisch nicht zu erreichen.

Landgericht Osnabrück beschlagnahmt Handy für Rekonstruktionsversuch

Osnabrück – An zwei weiteren Prozesstagen verhandelte das Landgericht Osnabrück gegen einen 23-jährigen Studenten aus Nordhorn wegen versuchten Totschlags. Er hatte zugegeben, dreimal auf einen damals 20-Jährigen, ebenfalls aus Nordhorn, eingestochen zu haben. Dies sei, so hatte er am ersten Verhandlungstag ausgesagt, aber aus Notwehr geschehen, weil er zuvor von dem späteren Opfer mit Faustschlägen attackiert worden sei. Was wirklich in der Nacht des 2. August 2014 in der Hauptstraße in der Nordhorner Innenstadt passiert ist, lässt sich aus den zum Teil sehr widersprüchlichen Aussagen der Beteiligten nicht herausfiltern. Ging es um eine umgeworfene Flasche oder um die abgelehnte Bitte wegen einer Zigarette? Übereinstimmend wurde festgestellt. Zwei junge Männer trafen auf eine Gruppe von jungen Männern und zwei Mädchen, die trinkend auf einer Bank saßen. Es kam zu verbalen und kurz darauf zu körperlichen Attacken.

"Dann", so hat ein Zeuge geschildert "war plötzlich ein Messer im Spiel." Das hatte der Angeklagte in der rechten Hand. Ob er den 20-Jährigen damit absichtlich dreimal verletzte, ist die Frage des Prozesses.

Wie schwer eine der drei Stichwunden war, schilderte ein Gerichtsmediziner dem Gericht. Eine 15 cm lange Stich-Schnittverletzung am Unterbauch führte dazu, dass die Gedärme des Opfers herausquollen. Nur durch eine sofortige Notoperation konnte das Leben des jungen Mannes gerettet werden. Bis heute leidet er körperlich und psychisch unter den Folgen der Verletzungen.

Ein Tatzeuge, der von seinem Balkon aus, die "kurze Szene" aus einem Abstand von 30 Metern verfolgte, hatte die Auseinandersetzung mit seinem Handy gefilmt. Doch weil er kurz danach von einem relativ friedlichen Ende des Streits ausging hatte er die Aufnahme gelöscht. Erst als er wenig später den 20-Jährigen offenbar verletzt erneut in der Hauptstraße sah, wurde ihm klar, dass mehr passiert sein musste. Wer wen geschlagen hat, so der Zeuge, habe er bei der spärlichen Beleuchtung nicht genau erkennen können, zumal ein Baum ihm die Sicht versperrte.

Ob er denn sein Handy dabei habe, wollte Verteidiger Rechtsanwalt Robert Koop vom Zeugen wissen. Als dieser die Frage bejahte, bat ihn der Vorsitzende Richter um die Herausgabe. Schon wenig später wurde das Telefon von einem Polizeibeamten abgeholt, es soll versucht werden, die gelöschte Aufnahme zu rekonstruieren. Anwalt Koop bot sich an, dem Zeugen ein Ersatzhandy zu besorgen.

Anschließend verlas er ein Gutachten des rechtsmedizinischen Instituts an der Universität Münster, welches er beauftragt hatte, nachdem am letzten Verhandlungstag seine Theorie, dass die Verletzungen auch unabsichtlich durch Abwehrbewegung des Opfers zustande gekommen sein könnten, vom Gerichtsgutachter bestritten worden waren. Um diese Theorie zu untermauern, haben Angeklagte und sein Vater die Szene nachgestellt und gefilmt. Zu sehen ist eine "dynamische Kampfhandlung" (Koop), in deren Ablauf erst die Verletzung auf dem Schulterblatt und dann die "Schnittverletzung" im Unterbauch entstanden. Die, so hatte der Gerichtsmediziner ausgeführt, wurde allerdings mit großer Wucht ausgeführt.

Nebenklagevertreter Thomas Heils bezweifelt nach wie vor die Notwehrtheorie und trat in der Verhandlung dem Eindruck entgegen, dass es sich bei seinem Mandanten um einen trainierten Kampfsportler handelt. Er überreichte ein Dokument, aus dem hervorgeht, dass sein Mandant lediglich ein Quartal Mitglied in einem Nordhorner Kampfsportclub war.

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