Körperverletzung

Streit wegen umgefallener Flasche? "Vor Angst in die Hose gemacht."

Landgericht Osnabrück: Waren Messerstiche versuchter Totschlag oder Notwehr?

Osnabrück (kno) – In einem auf secht Tage angesetzten Prozess verhandelt die Schwurgerichtskammer der Landgerichts gegen einen 22-jährigen Mann aus Nordhorn wegen des des Vorwurfs des versuchten Totschlags. Der Angeklagte soll in der Nacht des 2. August 2014 einen ebenfalls aus Nordhorn stammenden 20-Jährigen mit einem Messer schwer verletzt haben. Das Opfer konnte nur durch eine Notoperation gerettet werden. Tatort Fußgängerzone Nordhorn. 2. August 2014, 0.55 Uhr. Zwei junge Männer treffen an einer Bank auf drei weitere junge Männer, neben diesen sitzen 2 Mädchen. Es gibt Streit, eine Schubserei, Faustschläge und schließlich drei Messerstiche, wovon einer lebensgefährlich war. Am Ende der Auseinandersetzung schleppt sich das schwer verletzte Opfer zu einer Gaststätte, um Hilfe zu rufen.

War es, wie die Staatsanwaltschaft Osnabrück anklagt, ein versuchter Totschlag. Oder, wie der Angeklagte in seiner langen, hustend vorgetragenen Einlassung behauptet eine Notwehrhandlung, die ihn zum Einsatz eines Einhandmessers zwang?

"Ich habe mir vor Angst in die Hosen gemacht," gibt der kleine, schmächtige Student zu Protokoll. Er sei voller "Panik und Adrenalin" gewesen, als es zu körperlichen Auseinandersetzung mit dem vermeintlichen Aggressor gekommen sei. Der später niedergestochene 20-Jährige habe sich vor ihm aufgebaut und gesagt: "Leg dich nicht mit mir an, ich war zehn Monate im Knast." Erst sei, so berichtet er weiter, sein Freund von dem Begleiter der 20-Jährigen niedergeschlagen worden. Er, der Angeklagte, habe den Streit schlichten wollen und sei dann vom späteren Opfer mit Faustschlägen attackiert worden.

Er habe nicht bemerkt, dass er mit seinem zur Verteidigung aus der Tasche gezogenen Messer (Klingenlänge 8,5 cm) den Angreifer verletzt habe. Wie es zu den Stichwunden in der Brust und auf dem Schulterblatt gekommen sei, könne er nicht erklären. "Ich wollte mich nur verteidigen und hatte zu keinem Zeitpunkt eine Verletzungsabsicht." Auch den folgenschweren Stich in den Unterbauch des Opfers habe er nicht beabsichtigt. Zum Tatzeitpunkt war der Angeklagte mit 1,29 Promille mittelschwer alkoholisiert, er hatte zuvor Bier, Prosecco und Vodka getrunken.

Auch der 20-Jährige, der nach seinem Fußballtraining mit seinem Freund ein "paar Bierchen" getrunken hatte, war alkoholisiert. Er schilderte den Tatverlauf vor Gericht vollkommen anders als der Angeklagte. Er sei mit seinem Begleiter in der Fußgängerzone auf die Gruppe gestoßen und habe sich mit einer jungen Frau unterhalten, die ihn gefragt habe, warum sie ihn so lange nicht gesehen habe. Er habe ihr geantwortet, dass er neun Monate im Knast gewesen sei, aber keineswegs damit geprahlt. Irgendwann, so steht es jedenfalls im Polizeiprotokoll, sei dann eine Flasche umgefallen, der Inhalt habe sich über den Fuß eines Beteiligten ergossen. Ob dieser Zwischenfall den Streit auslöste, steht noch nicht fest. Es habe dann einen Tumult, eine Rangelei gegeben, in dessen Verlauf er vom Angeklagten geschubst worden sei. Hierauf habe er, so der Zeuge, mit dem Versuch eines Faustschlages reagiert, aber den Angeklagten verfehlt. Plötzlich habe dieser ein Messer in der Hand gehabt und auf ihn eingestochen. Er habe keine Stichverletzung gespürt. Mit den Worten: "Ich habe ihn getroffen," habe der Angeklagte sich von ihm abgewendet und seine Begleiter zum Rückzug aufgefordert. Dann sei die Gruppe wegegelaufen.

Das diese Version lückenhaft und nicht besonders glaubhaft sei, behauptet Verteidiger Robert Koop, der in der Verhandlung einen DIN A1 großen Bogen hochhielt, auf denen er die einzelnen Zeugenaussagen gegenübergestellt hat. Seine beharrlichen Nachfragen führten beim Zeugen immer wieder zu ausweichenden Antworten: "Ich kann mich nicht erinnern."

Doch auch an der Version des Angeklagten gab es am ersten Tag der Verhandlung massive Zweifel. Nebenklagevertreter Thomas Heils fasste das Ergebnis seiner Befragung des vermeintlichen Totschlägers zusammen: "Die Geschichte mit der Notwehr kaufe ich Ihnen nicht ab." An den nächsten fünf Verhandlungstagen wird die Schwurgerichtskammer versuchen die Ereignisse der blutigen Augustnacht in Nordhorn aufzuhellen.

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