Körperverletzung

Mittelgradige Berauschung führte zu eingeschänkter Steuerungsfähigkeit

Landgericht Osnabrück: Psychiatrischer Gutachter konnte keine Einschränkung der Schuldfähigkeit feststellen

Osnabrück – Im Prozess vor dem Landgericht Osnabrück gegen einen 22-jährigen Studenten, dem die Staatsanwaltschaft versuchten Totschlag an einem 20-jährigen Nordhorner vorwirft, erstattete am vierten Verhandlungstag der beauftragte Psychiater sein Gutachten.

Bevor die Schwurgerichtskammer sich dem psychiatrischen Gutachten zuwandte, berichtete ein Polizeibeamter über den erfolglosen Versuch, die gelöschte Videoaufnahme der Streiterei auf einem sichergestellten Handy zu rekonstruieren. Ein Anwohner der Hauptstraße in Nordhorn hatte von seinem Balkon aus die nächtliche Auseinandersetzung zwischen zwei Gruppen von jungen Männer gefilmt, aber später gelöscht.

Wie es sein kann, dass der eher ruhig wirkende Angeklagte in der Nacht des 2.08.2014 dreimal auf einen vermeintlichen Angreifer einstach, konnte auch der Gutachter nicht erklären. Fasst man Teile des Gutachtens zusammen, handelt es sich bei dem 22-Jährigen aus Nordhorn um einen ganz normalen, eher zurückhaltenden Studenten, der gelegentlich mal Alkohol konsumiert und sich selbst als "nicht aggressiv" beschreibt. Es läge beim Angeklagten "kein Mangel an Affektsteuerung" vor, so der Gutachter.

Zur Tatzeit habe ein errechneter Blutalkoholspiegel von 2,2 ‰ vorgelegen, so der Psychiater Dr. Dirk Balgenort, der zwar zu einer "mittelgradigen Berauschung" geführt habe, aber die Handlungsorientierung des Täters nicht so nachhaltig beeinflusst habe, dass er völlig planlos vorgegangen sei. Der Rückzug nach der Tat sei nicht kopflos erfolgt. Die Einsichtsfähigkeit und damit die Schuldfähigkeit des 22-Jährigen sei zum Tatzeitpunkt nicht eingeschränkt gewesen. Vereinfacht: Dem Messerstecher war laut Gutachten während der Tat bewusst, dass er mit einem Messer schwerste Verletzungen hervorrufen kann und er sich eventuell schuldig macht, wenn er das Messer einsetzt.
Es habe aber eine Beeinträchtigung der Steuerungsfähigkeit vorgelegen.

Als besonders kritisch bewertete Balgenort die "ausgestanzte Erinnerung" bezüglich des eigentlichen Tatherganges. Diese läge sowohl beim Angeklagten, wie auch bei dessen Opfer vor, was im Widerspruch zu vielen vergleichbaren Fällen stünde. "Normalerweise", so der Gutachter auf Nachfrage, "werden traumatische Ereignisse sehr gut abgespeichert." Es könne aber gelegentlich zu einer inneren Abwehrhaltung gegen das unangenehme Geschehen kommen. "Kann es also sein, " fasste der Vorsitzende Richter das Gehörte zu einer Frage zusammen, "dass wir es mir zwei Personen zu tun haben, die genau erzählen könnten was passiert ist, es aber nicht tun?" Balgenort nickte.

Verteidiger Robert Koop war mit dem Gutachten, dessen Verfasser er schon am ersten Prozesstag als befangen abgelehnt hatte, überhaupt nicht einverstanden. Detailliert hielt er dem Psychiater eine Passage aus einem Text über die Vorgehensweise bei der Erstellung von Gutachten vor: Mindest an zwei Tagen solle der Proband untersucht werden, weil er an verschiedenen Tagen unterschiedlich reagieren könne. Außerdem sollte eine Sitzung mindestens fünf Stunden in Anspruch nehmen. Beides, so Koop, habe der Gutachter nicht erfüllt.

Einen anderen Aspekt warf Nebenklagevertreter Thomas Heils auf: "Wurde aus dem früheren Opfer ein Täter?" Hintergrund dieser Frage waren berichtete Angriffe und Pöbelein gegen den Angeklagten. Erst am Vortage sei er im Stadtpark von Nordhorn von "Arabern angepöbelt worden", worauf er sich ein Klappmesser gekauft habe.

In einem Gespräch mit den GN nach Prozessende verwies Verteidiger Robert Koop noch einmal auf die Redensart: "Ich habe mir vor Angst in die Hose gemacht," womit er seine Notwehrtheorie untermauern wollte. Im ersten Vernehmungsprotokoll wurde vermerkt, dass der junge Mann auf die Frage, warum er sich mit einem Messer zur Wehr gesetzt habe, kurz nach der Tat gesagt hat: "Sollte ich mich weiter schlagen lassen?"

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