Körperverletzung

Serie von Vergewaltigungen auch in Berufungsverhandlung nicht gerichtsfest zu beweisen.

Landgericht Osnabrück: Das Leiden des Opfers besteht fort

Osnabrück – Es gibt Fälle über die in den Medien nichts berichtet wird, weil man Rücksicht auf die Beteiligten nehmen will. Durch die unvermeidbare Bennennung von Details in Gerichtsreportagen lassen sich Personen identifizieren, sodass Mitbürger, denen die Einzelheiten des Falles nahe gehen, versucht sein könnten, den betreffenden Mitbürger zu ächten.
Einen solchen Fall habe ich an drei Verhandlungstagen verfolgt. Es handelt sich um ein Berufungsverfahren gegen einen alten Mann, der von der Vorinstanz aus tatsächlichen Gründen vom Vorwurf der sexuellen Nötigung seiner Quasistieftochter freigesprochen war. Am Ende der zweiten Verhandlung stand eine Rücknahme der Berufung aus rechtlichen Gründen. Der Unterschied bestand im konkreten Fall darin, dass die erste Instanz der Zeugin (dem Opfer nicht geglaubt hat) und im zweiten Fall die unmittelbare Gewaltanwendung bei den sexuellen Handlungen nicht nachweisen konnte.
Auf einem kleinen Bauernhof im ländlichen Raum lebte seit Anfang der 80er Jahre eine - heute würde man sagen - Patchworkfamilie. Die Tochter des verstorbenen Hofbesitzers war mit der Bewirtschaftung des Betriebes überfordert und holte sich den Arbeitskollegen ihre Ehemannes auf den Hof. Sie selbst hatte eine Tochter und der neue Mann auf dem Hof brachte seine Ehefrau und fünf Kinder mit. Nach ein paar Jahren kamen sich die Mutter und der neue Mann näher und so entstand die Situation, dass beide im oberen Teil des Hauses im Eheschlafzimmer nächtigten, während die eigentliche Ehefrau unten auf der Couch schlief. Sie wusste und duldete die Beziehung der beiden, war sogar, so ergab es sich aus Aussagen, froh über die Befreiung von dem Mann, der alsbald anfing ein Schreckensregiment auf dem Hof zu entfalten. Er gängelte seine Frau, seine Geliebte und duldete keinen Widerspruch. Von Schlägen mit einem Rohrstock war die Rede.
Ende der 80er Jahre, die Stieftochter, war mittlerweile 14 Jahre alt, durfte diese auf eine Klassenfahrt mitfahren. Ansonsten, so schilderte sie dem Gericht glaubhaft, habe sie keinerlei jugendtypische Aktivitäten ausüben dürfen: Keine Schwimmbadbesuche, keine Kontakte mit Schulkameraden, kein Kino. Streng wurde kontrolliert, wann sie von der Schule nachhause kam. Die Arbeit auf dem Hof hatte danach Vorrang vor den Schulaufgaben. Nach der Klassenfahrt, so wurde geschildert, gab es einen Anruf eines Klassenkameraden auf dem Hof. Diesen nahm der Hoftyrann entgegen. Er leitete daraus, berechtigt oder unberechtigt, den Verdacht ab, dass es sexuellen Kontakte auf der Klassenfahrt gegeben hat. Dieses nahm er nun zum Anlass seine Stieftochter zur Rede zu stellen. Er mache ihr keine Vorwürfe, hieß es, sondern stelle fest, dass sie ja nunmehr in dem Alter für sexuelle Kontakte sei. Danach habe er sie zum ersten mal genötigt, es auch mit ihm Sexualverkehr auszuüben. Die Schilderung des Vorgangs im Elternschlafzimmer durch die Zeugin wurde immer wieder durch Tränen unterbrochen, selbst die Zuhörer wirkten oder waren betroffen. Der Autor dieses Artikels musste zum ersten Mal nach über 1500 vorhergehenden Prozessen weinen. Nach diesem "ersten Mal" für das junge Mädchen kam es, so schilderte sie, zu regelmäßigen Übergriffen durch den Pascha: "Es wurde zur Gewohnheit.". Bis 1994 zogen sich die Vergewaltigungen hin: "Ich habe immer wieder gebetet, dass es aufhört." Mittlerweile hatte die junge Frau einen Führerschein, was den damals 53-Jährigen veranlasste sich von ihr fahren zu lassen, weil er selbst keinen Führerschein hatte. Bevorzugter Tatort für die Nötigungen waren das Elternschlafzimmer und Maisfelder in der Umgebung. Die Beschreibungen der Tathergänge waren sehr ähnlich. Das Manko an den Aussagen: Die Zeugin beschrieb keine eindeutige Gewaltanwendung. Immerhin, so sagte sie aus, habe der Angeklagte ihr in anderem Zusammenhang eine Pistole gezeigt und das garniert mit der Drohung: "Wenn du etwas sagst, erschieße ich dich." Doch diese Aussage konnte dem Gericht nicht als unmittelbare Drohung mit Gefahr für Leib und Leben genügen. Es fehlte der Zusammenhang zu den Vergewaltigungen. "Nein," schilderte die Zeugin, "er war nicht brutal." Die Frau zeigte keinerlei Belastungstendenzen. "Diese Geschichte", so hat sich der Autor, dieses Berichtes notiert, "kann sich niemand ausdenken und so authentisch wiedergeben."
1994 verließ die Zeugin den Hof, zu dem sie nie wieder zurückkehrt. Sie fand eine Anstellung, heiratete und bekam eine Tochter. Vermutlich, jedenfalls ergab sich das aus den Aussagen, hatte sie massive Schwierigkeiten sich anfassen zu lassen. Die erste Ehe scheiterte. Sie zog weit weg und heiratet erneut. Auch diese Ehe endet nach kurzer Zeit. Die dritte Ehe der mittlerweile 40-Jährigen ist stark gefährdet.
Zu ihrer Mutter, die dem Gericht auch die Vorgänge auf dem Hof, schilderte, hat die Zeugin ein sehr gestörtes Verhältnis. Ihr Vorwurf an die Mutter lautet: "Sie hätte merken müssen, dass es mir nicht gut ging." Doch das war nicht der Fall. Die Mutter hatte selbst Schwierigkeiten mit dem Hofpascha und verließ ihn kurz nachdem ihre Tochter geflüchtet war. Kurzzeitig kroch sie bei ihrer Tochter in deren 20 qm Zimmer unter, weil sie keine andere Bleibe hatte. Nach ihrer in manchen Teilen kuriosen Aussage (auch das gibt es in ernsten Prozessen) verabschiedet sich die Mutter tränenreich bei ihrer Tochter und bat sie um Vergebung: " Bitte verzeih mir, dass ich so eine Rabenmutter war. Es tut mir unendlich Leid." Als sie den Gerichtssaal verließ, wurde der Aufdruck auf ihrem Sweatshirt sichtbar: You are amazing.
Vor 2009 kam die Zeugin in Kontakt mit einem Psychotherapeuten und wurde in eine Spezialklink überwiesen. Hier brach alles auf. In der Folge kam es zu der verspäteten Anzeige und der juristischen Aufarbeitung mit dem Ergebnis einer Berufungsrücknahme.
Hat die Rechtsstaatlichkeit versagt? Ich meine: Nein. Auch wenn es für die Öffentlichkeit kaum verständlich zu machen ist: Eine Tat oder, wie in diesem Fall, eine Tatserie muss eindeutig erwiesen sein, sonst kann und darf es keine Verurteilung geben. Für das deutlich bemühte Gericht war es schwer, die Ereignisse nachzuvollziehen. Der vorsitzende Richter durfte die entscheidenden Sätze, die eine Gewaltanwendung belegt hätten, nicht vorgeben. Das tat er auch nicht. Eine weitere Befragung der Zeugin, auch durch den nicht unbedingt als feinfühlig zu bezeichnenden Verteidiger des Angeklagten, war ihr laut einem Attest ihres Arztes nicht zuzumuten. Vermutlich hätte sie auch dann nicht mehr Einzelheiten benennen können. Zu schmerzhaft wohl die Erinnerungen an die Grausamkeiten des Angeklagten.
Was bleibt? Es bleibt, auch wenn es unbefriedigend ist, die Feststellung, dass die Justiz funktioniert. Es mag für das Opfer eine gewisse Genugtuung darstellen, daß die Staatsanwältin in ihrer Antragsbegründung zur Rücknahme der Berufung deutlich sagte, daß sie nach wie vor der Überzeugung sei, daß sich die Geschehnisse so, wie in der Anklage beschrieben, abgespielt habten.
Wenn, und davon ist auch der Autor überzeugt, das richtig ist, so bleibt auch festzuhalten, dass der Angeklagte ein normales Leben der Zeugin unmöglich gemacht hat. Sie leidet. Bis heute. Und: Weiter Personen wurden nachhaltig geschädigt. Darunter ist auch die Mutter, denn ihr Verhältnis zur Tochter ist zerstört. Die Zeugin hat selbst eine Tochter. Zur Frage, warum sie sich so spät zur Anzeige entschlossen habe, sagte sie: "Ich wollte nicht ansatzweise, dass sie das durchmachen muß, was ich erleben mußte."
Diese Hoffnung ist berechtigt. Weniger berechtigt ist die Hoffnung, dass es nicht weitere Fälle dieser Art gibt, die aber, wenn sie nicht zu verhindern sind zumindestens ein juristisches Nachspiel haben.

Diesen Beitrag teilen



Serie von Vergewaltigungen auch in Berufungsverhandlung nicht gerichtsfest zu beweisen. - Auf Twitter teilen.

Sei der erste, dem das gefällt