Körperverletzung

Angriff mit einem Beil hätte schlimmere Folgen haben können

Landgericht Osnabrück: Drei Jahre Haft für Drogenabhängigen

Wegen gefährlicher Körperverletzung wurde ein 25-jähriger aus Neuenhaus vom Landgericht Osnabrück zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt. Er soll vorerst in einer Entziehungsanstalt untergebracht werden. Die ursprüngliche Anklage wegen räuberischem Diebstahls hatte vor dem Gericht keinen Bestand.
In Handschellen wurde ein junger Mann in den Gerichtssaal gebracht und nahm sichtlich angespannt und zappelnd neben seiner Pflichtverteidigerin Christiane Preuß aus Nordhorn Platz. Kein Wunder, daß der Mann nervös war, denn in den kommenden Stunden sollte sich entscheiden, wo er die nächsten Jahre verbringen wird. Ein geladener Psychiater begutachtete auch während der Verhandlung den Angeklagten und registrierte die auffälligen Verhaltensweisen des Angeklagten.
Laut Anklage soll er am 16.7.2016 in eine Obdachlosenwohnung an der Stettiner Straße in Neuenhaus eingebrochen sein und vornehmlich technische Geräte durch ein Fenster an einen Mittäter rausgereicht haben. Die Geräte wurden für den Abtransport in eine blaue Papiertonne verfrachtet. Die beiden Männer wollten sich gerade vom Gelände entfernen, als der Bewohner der Wohnung heimkehrte und die vermeintlichen Diebe stellte. Er forderte die Herausgabe eines Cassettenrecorders. Daraufhin, so die Anklage, soll der Angeklagte mit einem Beil auf den Wohnungsinhaber eingeschlagen und ihn dabei schwer an der Hand verletzt haben.
Ja, das sei so richtig, erklärte der Angeklagte, nachdem der Staatsanwalt seine Tatvorwürfe erhoben hatte. Allerdings habe er nicht, wie auch zu hören war, auf den Kopf gezielt, sondern den Schlag nur gegen die Hand geführt. Ausserdem führte er an, daß er das Beil dem Opfer zuvor entwunden habe.

Schwerer Raub? Die Darstellung der Vorgehensweise rechtfertigte die Klassifizerung der Tat als schweren Raub. Mindeststrafe fünf Jahre Haft. Von einem minderschweren Fall konnte nach der eingeräumten Nutzung eines „gefährlichen Werkzeuges“ (Beil) nicht die Rede sein. Ursprünglich war sogar von ein Mordversuch die Rede.

Zwei Tatzeugen, das Opfer und der Helfer sollten den genauen Tathergang schildern, um die strafrechtliche Einordnung des Geschehens zu ermöglichen. Sie sollten, konnten oder wollten aber nicht.
Der Einbruchshelfer war erkennbar bemüht seinen Kumpanen nicht zu belasten. Man sei zu der Wohnung gegangen, um Sachen des Angeklagten abzuholen: „Er ist dann reingegangen.“ „Wie? Reingegangen?“ hakte der Richter sofort nach. „Durchs Fenster.“ „Das müssen Sie schon dazusagen.“ Später wird der Zeuge noch undeutlicher: „Die sind irgendwie aneinander geraten. Da war ein Gebüsch dazwischen.“ Zwar habe er eine Schlagbewegung wahrgenommen, aber kein Beil erkannt.
Da der Angeklagte, die Nutzung des Beils eingeräumt hatte, hakte das Gericht nicht weiter nach.

Das Opfer war auch vor das Landgericht geladen, aber nicht erschienen. Ein anwesender Polizist, der ebenfalls aussagte, erhielt vom vorsitzenden Richter den Auftrag, seine Kollegen in Neuenhaus in Bewegung zu setzen und dafür zu sorgen, daß dieser erschiene. Das gelang. Mit verwaschener Sprache, beantragte der 39-Jährige einen Dolmetscher, doch der Richter erkannte, dass es weniger, an den fehlenden Sprachkenntnissen, als am Alkoholkonsum des Zeugen lag, dass er kaum etwas verstand. Immerhin konnte man ihm entlocken, daß der Beilschlag in Richtung seines Kopfes geführt wurde und seine Handverletzung Folge einer Abwehrbewegung war.
Im weiteren Verlauf des Prozesses stellte sich heraus, daß die vermeintlich gestohlenen Gegenstände dem Angeklagten gehörten und er nur verhindern wollte, dass sie vom Zeugen verkauft wurden. Aus Wut über einen verkauften Fernseher hat er sehr wahrscheinlich die gesamte Wohnung des Opfers verwüstet, wofür er vermutlich das Beil genutzt hat.
Die Aufgabe des Psychiaters war es, zu der Frage Stellung zu nehmen, was mit dem Angeklagten passieren solle. Dieser, so der Gutachter, leide unter ADHS im Erwachsenensalter und unter einer „Polytoxikomanie“, sei also von mehreren Substanzen abhängig. Zur Tatzeit habe er massiv unter dem Einfluss von Amphetaminen gestanden, die ihn hemmungslos gemacht hätten. Der Fachmann riet dringend zu einer Einweisung in eine Entziehungsanstalt. Weitere Strafttaten seien sehr wahrscheinlich, wenn er wieder an Drogen gelangen könnte.
In seinem Plädoyer betonte der Staatsanwalt, daß die Tat des Angeklagten weitaus schlimmere Folgen hätte haben können. Er rückte vom Tatvorwurf des Raubes ab und beantragte eine Verurteilung wegen schwerer Körperverletzung zu drei Jahren Haft. Verteidigerin Preuß hatte einen schweren Stand, brachte eine Bewährungsstrafe ins Gespräch, stellte aber das Strafmass „ins Ermessen des Gerichtes“. Bei den ausgeurteilten drei Jahren und der Unterbringung in einer Entziehungsanstalt wird es vermutlich nicht bleiben. Am Rande des Prozesses wurde bekannt, dass der Angeklagte sich demnächst wegen eines Raubes in Gronau vor dem Landgericht Münster verantworten muss. Die Tat soll nur wenige Stunden nach der Beilattacke in Neuenhaus passiert sein. Und ausserdem: Am 12.7., also vier Tage vor der Tat war der Neuenhauser wegen eines Eigentumsdeliktes zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden.

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