Sonstige Strafsachen

Unfallflucht: Schwarzer Golf hinterließ Fingerabdruck

Landgericht Osnabrück veranlasste Unfallrekonstruktion

Osnabrück (kno) – Dass Gerichte nicht immer zahnlose Tiger sind, zeigte sich wieder einmal in einem Berufungsverfahren vor dem Landgericht Osnabrück. Eine 35-Jährige aus Bramsche Engter war vom Amtsgericht Bersenbrück wegen unerlaubtem Entfernen vom Unfallort zu einer Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu 20 Euro verurteilt worden.

 

Ihre Fahrerlaubnis sollte ihr für 6 Monate entzogen werden. Die Strafe war im Verhältnis zu Vergleichsfällen angemessen. Doch die Angeklagte ließ es nicht bei der Verurteilung bewenden: Sie legte Berufung ein. Mit dem Satz: „Ich kann mir das überhaupt nicht erklären,“ der sich später als Auftakt zu einer abgesprochen Lügengeschichte entlarven sollte, begann eine Verhandlung, die am Ende eine überraschende Wende erfuhr. Am 8.4.2009 sei sie morgens um 8 Uhr zu einer Bekannten in Bramsche-Gartenstadt gefahren, erzählte die Angeklagte. Diese Frau würde sie nur flüchtig aus einem Computerkurs des Arbeitsamtes kennen. Da der Ehemann der Frau Geburtstag gehabt habe, wollte man Blumen  und Schokolade kaufen und sei deshalb aus der Kaunstrasse zu einem Blumenladen gefahren. Ob sie denn beim Herausfahren aus der Einfahrt bemerkt habe, dass sie vielleicht an ein anderes Auto gestoßen sei, fragte der Vorsitzende Richter der Berufungskammer. Nein, antwortete die Angeklagte. Außerdem sei sie in Richtung Friederichstrasse gefahren, sodass eine Zusammenstoß gar nicht möglich gewesen sei. Nach 40 Minuten seien die beiden Frauen zurückgekehrt. Um 11 Uhr bemerkte ein Nachbar, dass sein Nissanfahrzeug eine neue Beule in Höhe der B-Säule hatte und rief die Polizei. Einem Polizisten, der als Zeuge gehört wurde, fielen Kratzer und Lackspuren an einem gegenüber in einer Einfahrt geparkten schwarzen VW-Golf auf. Sein Kollege habe die „Spuren vertütet“ und er habe die Angeklagte und deren Bekannte wenig später befragt. „Beide Frauen standen deutlich unter Alkoholeinfluss.“ Da der mögliche Tatzeitpunkt aber schon weiter zurückgelegen habe, wurde keine Blutprobe angeordnet. Aus einer Unfallskizze ergab sich: Die Angaben der Angeklagten über ihre angebliche Fahrtrichtung passten nicht zu den Unfallspuren. Nun erschien die „flüchtige Bekannte“ im Zeugenstand. Ein Dolmetscher übersetzte ihre wortreiche Aussage in der sie die Version der Angeklagten bestätigte. Nein, man sei nicht Richtung Lutterdamm gefahren. Sie würde immer Richtung Friederichstrasse rausfahren. Später stellt sich raus: Die Zeugin hat überhaupt keinen Führerschein. Dann folgte ein verdächtiger Satz: „Ich hatte auch Kopfschmerzen und habe  nichts gefühlt.“ Die Wende im Prozess leitete ihr Ehemann ein, der zwar nichts direkt gesehen habe, wie er aussagte, aber von der Angeklagten gehört haben wollte: „Ich habe einen Schaden verursacht.“ Dann habe sie hinzugefügt: „April, April.“ Endgültig widerlegt wurde die Unschuld der Angeklagten durch den Unfallgutachter Dipl. Ing. Ralf Krause, der im Auftrag des Landgerichts mit Kollegen den Unfall vor wenigen Tagen nachgestellt hatte. Ergebnis: Die gesicherten, materialgleichen Lackspuren am Nissan seien wie ein Fingerabdruck des schwarzen Golf. Die Lage der Spuren an den Autos passten zueinander. In einem Fahrversuch hätten drei Personen festgestellt: Ein Anstoßen seien deutlich akustisch und taktil wahrnehmbar gewesen. Der Ruck sei anders gewesen, als bei einem abrupten Abbremsen. Nach einer Unterbrechung der Verhandlung erklärte Anwalt Jürgen Knocke für seine Mandantin: „Sie will es immer noch nicht so richtig wahrhaben.“ Der Unfall könne aber Folge ihres Rangierverhaltens sein. Heulend fügt die Angeklagte ein halbes Geständnis hinzu: „Es tut mir ja auch leid.“ Nach kurzen Plädoyers erfolgt das Urteil: Die Geldstrafe bleibt, die Entziehung der Fahrerlaubnis wurde in ein dreimonatiges Fahrverbot gewandelt. Ob gegen die „flüchtige Bekannte“ ein Verfahren wegen Falschaussage eingeleitet wird, prüft die Staatsanwaltschaft.

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