Sonstige Strafsachen

Drei Stunden Verhandlung um ein „r“

Landgericht Osnabrück: Falscher Doktor und selbsternannter Rechtsexperte zeigte sich beratungsresistent

Manche Menschen schreiben ab, um an einen Doktortitel zu gelangen. Doch selbst das war einem 49-Jährigem aus Melle zuviel. Er kürzte einfach seinen zweiten Vornamen Dietrich mit Dr. ab und setzte ihn zwischen seinen ersten Vornamen und den Nachnamen. Auf Stempeln, Briefköpfen und auf einer eigenen Internetseite erschien der Zusatz Dr. dann in einer eigenen Zeile vor dem Nachnamen. Darunter folgte die Bezeichnung „Rechtsexperte“ Mit diesem Namenszusatz verkehrte er auch mit Behörden. Im Internet bot der gelernte Rechtsanwalts- und Notargehilfe seine Dienstleistungen unter dem Motto „ Unser gemeinsames Ziel, Ihr Erfolg“ an. Sogar die „Vertretung vor Amts-, Arbeits-, Verwaltungs- und Sozialgerichten“ wollte er gegen eine Pauschale zwischen 250 und 500 Euro wahrnehmen. Wegen missbräuchlichem Führens eines Titels war er vom Amtsgericht Osnabrück am 12.4.2011 zu einer Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu 15 Euro verurteilt worden. Dieses Urteil wollte der Angeklagte nicht akzeptieren und legte ebenso wie die Staatsanwaltschaft Berufung ein. Bei der Feststellung seiner Personalien im Berufungsverfahren vor dem Landgericht Osnabrück nannte der Angeklagte seinen zweiten Vornamen erst auf ausdrückliche Nachfrage der Richterin. Wenig später regte er die Aussetzung des Verfahrens an, weil er nicht verhandlungsfähig sei. Im Vorfeld des Prozesses war aber genau das Gegenteil vom Gesundheitsdienst des Landkreises festgesellt worden. Außerdem beantragte der angeklagte „Rechtsexperte“ recht unfachmännisch die Anhörung eines Zeugen, der mal 10 Semester Jura studiert habe. Dieser könne deutlich machen, dass es keine juristischen Bedenken gegen das „r“ hinter dem ersten Buchstaben seines zweiten Vornamens gäbe. Nachdem die „Anträge“ abgelehnt worden waren, konnte nach 1,5 Stunden die eigentliche Beweisaufnahme beginnen. Zu beweisen gab es eigentlich nicht viel, denn dass er die Abkürzung „Dr.“ genutzt habe, wurde von ihm nicht bestritten. Er hatte sogar seine „Anträge“ für das Gericht auf einem strittigen Briefbogen erstellt. Die äußerst gelassene Richterin nahm mit den Schöffen erst die Briefbögen, dann die Stempelabdrücke und den Internetauftritt des Angeklagten in Augenschein. Dann fragte sie den Angeklagten, warum in seinem Telefonbucheintrag kein Hinweis auf den zweiten Vornamen zu finden sei? Der Angeklagte schwadronierte über „Pflichteinträge“ und versuchte es mit weiteren diffusen Erklärungen. Nach 2 Stunden Verhandlung um das „r“ zuviel, machte sich bei der Staatsanwältin leichter Unmut breit: „Ich habe an einer weiteren Diskussion kein Interesse mehr.“ Ä

Diesen Beitrag teilen



Drei Stunden Verhandlung um ein „r“ - Auf Twitter teilen.

Sei der erste, dem das gefällt