Sonstige Strafsachen

Milde Strafen für das Fußvolk der Indoorplantage

Landgericht Osnabrück: Wer bezahlte den Wahlverteidiger aus Dresden?

Osnabrück – Vier Vietnamesen, die sich an drei langen Verhandlungstagen vor dem Landgericht Osnabrück wegen bandenmäßigem Handeltreibens mit Betäubungsmitteln zu verantworten hatten, wurden von der 3. großen Strafkammer zu recht milden Bewährungsstrafen verurteilt. Am Ende der Verhandlung stellte der Richter fest: "Die Angeklagten haben Deutschland zu verlassen." Eigentlich hätte dieser Prozess schon nach einem Verhandlungstag zu einem Urteil führen können. Alle Angeklagten hatten zugegeben im Frühjahr dieses Jahres als Gärtner und Gießern oder als Erntehelfer auf einer Indoorplantage für Marihuana in einem Mehrfamilienhaus an der Ursulastraße in Nordhorn tätig gewesen zu sein. Viel anderes blieb ihnen auch nicht übrig, nachdem sie von einem mobilen Einsatzkommando am 8.3.2014 auf frischer Tat beim Ernten erwischt worden waren. Seit diesem Tag saßen die Verhafteten an verschiedenen Orten in Untersuchungshaft. Ein 46-jähriger Angeklagte hatte den Ermittlern noch vor Anklageerhebung wichtige Informationen zu den Hintermännern der von Fachleuten aufgebauten Anlage gegeben und konnte so die Kronzeugenregelung des Betäubungsmittelgesetztes für sich beanspruchen.

Alles sah am ersten Tag nach einer Verständigung aus. Doch der Wahlverteidiger eines 42-Jährigen nahm es ganz genau und verzögerte die nunmehr erfolgte Freilassung aus der Untersuchungshaft auch seines Mandanten über Wochen. Dass er sich damit auch offene Unmutsbekundungen seiner Kollegen einhandelte, liegt auf der Hand. Von "unmotivierter Konfliktverteidigung" bis zu "Geltungssucht" reichten die Kommentierungen. Ein Rechtsanwalt stellte auf dem Gerichtsflur Fragen: Handelt Rechtsanwalt Dr. Wolf-Dietrich Sternkopf aus Dresden weisungsgebunden im Auftrag von Hintermännern? Wer bezahlt den Wahlverteidiger des Angeklagten für den zusätzlich ein Pflichtverteidiger tätig ist? Die Fragen blieben unbeantwortet. Viele Zeugen wurden an den drei Verhandlungstagen nicht gehört. Zwei Ermittler erstatteten Bericht, ein Gutachter äußerte sich zur Frage des Alters eines der Angeklagten. Ansonsten Verlesung von Genehmigungen der Telefonüberwachungen, Gutachten des Landeskriminalamtes zum Wirkstoffanteil der Pflanzen und Einlassungen der Angeklagten, die deutlich geprägt waren von ihren Anwälten. Am Anfang und nun auch am Ende des Prozesses stand fest: Insgesamt 72 kg Pflanzenmaterial mit einem Wirkstoffanteil von 14,4% waren beschlagnahmt worden. Die Staatsanwältin errechnete daraus fast 700000 sogenannte Konsumeinheiten. Wären die Drogen in den Verkehr gelangt, hätten sie einen Straßenverkaufswert von einer halben Million Euro gehabt. Vor Gericht aber stand nur das "Fußvolk", wie ein Anwalt feststellte. Von einer Bande, dass räumte auch die Staatsanwältin ein, konnte keine Rede sein. Es fehlte an einer Verabredung zu einem "gewinnbringendem kriminellen Handel für einen längere Dauer" und außerdem, so später der Richter, hatten die vier Angeklagten keinen Einfluss auf den Tatablauf, sie handelten ausschließlich weisungsgebunden. Nur wenige hundert Euro sollten die Gärtner und Erntehelfer für ihre Tätigkeit in den stinkenden, feuchten Räumen bekommen. Zwei von ihnen waren quasi über Monate eingesperrt: Ohne Sprachkenntnisse, Geld und Aufenthaltsgenehmigung in einer fremden Stadt. Versorgt wurden sie mit tiefgefrorenen Lebensmitteln, die ein Mittelsmann gelegentlich brachte. Das die Angeklagten sowohl Täter, aber ebenso Opfer waren stellten alle Verteidiger in ihren Plädoyers heraus. Dass es auch das Landgericht so sah, kam in den Urteilen zum Ausdruck. Für die beiden Gärtner, die seit Ende 2013 in dem Nordhorner Haus tätig waren, wurden zwei Jahre auf Bewährung ausgeurteilt. Eine 46-Jährige, die als Köchin geködert worden war und ein 46-Jähriger Mittäter erhielten jeweils ein Jahr Haft auf Bewährung. Beide waren nur einen Tag zum Pflanzenzupfen auf der Anlage.

Die Erleichterung war allen Prozessbeteiligten nach den Urteilen anzusehen. Selbst die Staatsanwältin lächelte und machte nicht den Eindruck, dass sie gegen die Urteile, welche erheblich unter ihren Anträgen lagen, vorgehen werde.

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