Sonstige Strafsachen

150 Euro Lohn für Erntehelfer auf Cannabisplantage

"Kleiner Lichter" vor dem Landgericht Osnabrück - Haupttäter flüchtig

Osnabrück – Nachdem es kurzeitig danach aussah, dass es vor dem Landgericht Osnabrück zu einer Verständigung kommen könnte, wurde deutlich: Der Prozess gegen vier Vietnamesen wegen bandenmäßigem Handeltreibens mit Betäubungsmitteln erfordert einen dritten Verhandlungstag. Den Angeklagten - drei Männer (19, 42, 46) und einer Frau (46) - wird vorgeworfen in Nordhorn eine Indoorplantage für den Cannabisanbau betrieben zu haben oder dort als "Erntehelfer" tätig gewesen zu sein. Über 10000 Pflanzen - Setzlinge, erntereif oder bereits abgeerntet - waren bei einem Zugriff am 8. März 2014 in Nordhorn durch ein Sondereinsatzkommando sichergestellt worden. Für den Abtransport der technischen Ausstattung und der Biomasse waren eigens 2 Container herangeschafft worden. Eine Auswertung ergab. Die Pflanzen hatten einen hohen Wirkstoffanteil von 14,4 % , das ergab rechnerisch über10 kg reines THC. Vorschriftsmäßig in Handschellen und jeweils begleitet von zwei Wachtmeister wurden die Angeklagten auch am zweiten Verhandlungstag in den großen Sitzungssaal des Landgerichts Osnabrück gebracht. Dort warteten bereits vier Dolmetscher und jeweils zwei Anwälte (Wahl- und Pflichtverteidiger) auf sie. Zusammen mit der fünfköpfigen Kammer und Staatsanwältin und der Protokollführerin sind es 31 Personen, die mit der Aufklärung eines Falles beschäftigt sind, der ein großes Manko hat: Es fehlen die Drahtzieher, diejenigen, die an der professionellen Plantage in Nordhorn viel Geld verdienen wollten. Es sei nicht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit festzustellen, dass einer der Angeklagten zum Tatzeitpunkt bereits über 21 Jahre alt gewesen sei, fasste ein Mediziner sein Gutachten zusammen. Zahnbefunde und der Zustand der Schlüsselbeine des Angeklagten Son V. ergäben einen Mittelwert von 19 Jahren. Das hat zur Folge, dass für den Mann das Jugendstrafrecht zu Anwendung kommt. Ein leitender Zollbeamter aus Hannover fasste anschließend für das Gericht den Gang der Ermittlungen zusammen. Nach einem Tipp sei man auf zwei Marokkaner aus Enschede aufmerksam geworden, die wiederum in Kontakt mit einem Asiaten standen. Dessen Fahrzeug führte zu einem Haus an der Ursulastraße in Nordhorn, welches daraufhin überwacht wurde. Die umfangreiche Telefonüberwachung ergab: Anfang März stand eine Ernte in dem über 300 qm großen Mehrfamilienhaus bevor. Zwei Erntehelfer - darunter die 46-jährige Frau - wurden von einem Hintermann aus Enschede herbeigebracht. Erst am nächsten Tag erfolgte der Zugriff. Rechtsanwalt Georg Schulze aus Bielefeld wundert sich: "Warum lässt man einen vermeintlichen Haupttäter ausreisen, um dann kleine Lichter abzufischen?"Dass der Verteidiger - seine Kollegen äußerten sich ähnlich - mit seiner Einschätzung richtig liegen könnte, ergab sich aus den Einlassungen von drei Angeklagten, die im Hinblick auf eine mögliche Verständigung Geständnisse ablegten. Der 42-jährige Truong T. kam aus Vietnam mit einem Visum nach Tschechien und versuchte dort erfolglos Arbeit zu finden. Eine illegale Einreise nach England scheiterte ebenso und so kam er nach Enschede, wo er dann als Erntehelfer angeworben wurde. 150 Euro als Lohn sollte er für die Aktion erhalten. Ähnlich erging es der dreifachen Mutter aus Enschede, die als Köchin tätig werden sollte und dann genötigt wurde Cannabispflanzen zu ernten. Sie sei erschrocken gewesen, so die 46-Jährige, als sie in der Anklage erfahren habe, dass sie "als Teil einer Bande Mitglied der Mafia" sei. "Ich war dumm und bereue, dass ich das Haus nicht verlassen habe." Rechtsanwalt Frank Mähs aus Lingen verlas für den 19-Jährigen dessen Geständnis. Der junge Mann vagabundierte auf Suche nach Arbeit durch Europa. Er habe jedem Vietnamesen seine Handynummer gegeben. Diese Nummer wurde dann ab Dezember 2013 von Ermittlern in Nordhorn verortete. Ab diesem Zeitpunkt befand sich der junge Mann dauerhaft in dem großen, abgedunkelten Haus, dass vom Keller bis zum Dach mit einer Gärtnerei für Drogen ausgestattet worden war. Er habe gegossen, gedüngt und geernet, sowie telefonisch Kontakt zum Auftraggeber gehalten. Dieser habe ihn, sowie seinen anwesenden Landsmann auch mit Nahrungsmitteln versorgt. Die Einlassung des vierten Angeklagten scheiterte an dessen Weigerung sich mit dem Verständigungsangebot einer Maximalstrafe von drei Jahren Haft einverstanden zu erklären. Die Staatsanwältin erläuterte das aus ihrer Sicht moderate Angebot: "In einigen Bezirken von Nordrhein-Westfalen würden wir jetzt über mehr als 4 Jahre Haft reden."

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