Mit dem Bunsenbrenner vor der Tür der Tochter

Landgericht Osnabrück: 66-jähriger muss sich wegen versuchten Mordes verantworten.

Osnabrück (kno) – Irgendwie hat Harald G. ein Lied von Udo Jürgens wohl falsch verstanden. Im Alter von 66 Jahren fängt er an, ein strafrechtliches Leben zu führen: Wegen einer Vielzahl von Anklagepunkten muss der Osnabrücker sich vor dem Landgericht Osnabrück verantworten.


Drei Verfahren mit diversen Anklagepunkten gegen ihn wurden verbunden. Die Palette der Vorwürfe reicht vom häufigen Fahren ohne Fahrerlaubnis über den unerlaubten Waffenbesitz, Bedrohung und Körperverletzung und endet schließlich bei einem Mordversuch. Wieder einmal hat die 6. Große Strafkammer die nicht leichte Aufgabe die Spreu vom Weizen - Lüge und Wahrheit - von einander zu trennen. Schon bei der Frage, wie viele Kinder Harald G. hat, tauchen Unklarheiten auf. Erst spricht er von 4 Kindern, dann erwähnt er einen weiteren Sohn. In den Akten ist von 7 Nachkommen die Rede. Eine 24-jährige Tochter, die im Mittelpunkt des Hauptvorwurfes steht, hat ihn erst 2007 kennensgelernt.

Zu ihr hat der Angeklagte offensichtlich eine besonders große väterliche Fürsorglichkeit entwickelt, er beschenkte sie häufig und fuhr eigens – ohne Führschein – oftmals nach Münster, um ihr Einrichtungsgegenstände und Blumen zu bringen. Die Schattenseite seiner Fürsorge: Mit aller Macht wollte er ein Verhältnis der Tochter zu einem 38-Jährigen unterbinden. Beide hatten sich über ihn kennensgelernt. Anfang 2009 schrieb er einen Brief an seine Tochter in dem er androhte „ihm die Eier abzuschneiden“ und ihr ähnliches antun zu wollen. Wenige Tage später stand er dann vor ihrer Tür und verschaffte sich mit einem Trick Einlass in die Wohnung. Er zog einen Bunsenbrenner hervor und drohte damit, sie zu verletzen. Es passierte zum Glück nichts, nur der Drohbrief verschwand. Anschließend kaufte er mit ihr eine Jacke für sie. Am 18.3.2009 um 5 Uhr morgens lauerte der eifersüchtige Vater bereits zum 2-ten Mal in einem Waldstück bei Melle auf den Freund seiner Tochter, der zur Arbeit musste. Er habe nur ihm reden wollen, gab der Angeklagte als Grund für seines ungewöhnlichen Handelns an. Als sich ein Fahrrad näherte, habe er den Fahrer angerufen, der dann „quer über den Weg direkt in einen Graben gefahren sei.“ Ganz anders erzählt es das Opfer: Er habe in dem Waldstück plötzlich einen Knüppel ins Gesicht bekommen, sei gestürzt und anschließend wohl 10-mal geschlagen worden. Bei einem Abwehrversuch, sei seine Hand gebrochen. Er sei in Richtung einer Siedlung geflüchtet, aber vom Angeklagten eingeholt worden. Der habe ihn beruhigt, beide seien zum Fahrrad zurückgekehrt. Als er sich nach einem verlorenen Schuh gebückt habe, sei er vom Angeklagten noch einmal mit dem Knüppel auf den Hinterkopf geschlagen worden. Der Angeklagte habe erneut gesagt: „Jetzt sind wir quitt.“ Wenig später erschienen der blutende Freund und der grinsende Vater in der Wohnung des 38-jährigen, wo sie auf die verdutzte Tochter trafen. Der Vater, so die Tochter in ihrer Aussage, habe die Schläge eingeräumt. Anzeige habe er nicht erstattet, so das Opfer des Angriffs. Im Gegenteil: Drei Wochen später trafen sich die Beteiligten mit Freunden zum Ostergrillen beim Vater. Erneut war die Eifersucht des Vaters Thema. Dieser geriet in Rage, holte eine Pistole und ballerte damit 2-mal in die Luft. Er habe dann gedroht, so die Tochter und ihr Freund, dass er ihm in den Kopf schießen würde, wenn er die Beziehung nicht sofort beenden würde. Verwunderung löste das Geschehen danach aus: Der Angeklagte chauffierte – wieder ohne Führerschein – den Freund nach Münster, um dessen Sachen zu holen und brachte ihn anschließend zum Bahnhof in Osnabrück, wo er ihm noch 20 Euro für die Zugfahrkarte gab. Fortsetzung des Prozesses: 7.12.2010 (9 Uhr)

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