Grundlos: Von der Leiter gerissen, gewürgt und fast erstochen

Landgericht Osnabrück: Argloses Opfer überlebte Messerangriff nur knapp

Osnabrück (kno) – Die Frage der Schuldfähigkeit steht im Mittelpunkt eines Verfahrens wegen versuchten Totschlags vor der 6.Großen Strafkammer des Landgerichts Osnabrück. Der 27-jährige Benjamin S. soll einen 29-Jährigen am 13.08.2010 in einer Wohnung an der Adolfstraße in Osnabrück zuerst mit einem um den Hals gelegten Kabel von einer Leiter gerissen haben, dann gewürgt und anschließend mit 12 bis 16 Messerstichen in Nacken, Hals und Hinterkopf lebensgefährlich verletzt haben.

 

Nur weil Nachbarn erstickte Hilfeschreie gehört hatten und sofort die Rettung riefen, überlebte das Opfer knapp. Der Angriff des 27-Jährigen, der selbst zu der Tat schweigt, erfolgt nach Aussage des Opfers völlig überraschend und ohne jegliches Motiv.

 

 

Mit einem Rollstuhl wurde das 29-jährige Opfer in den Schwurgerichtssaal geschoben. Zwei Helfer hatten ihn aus Bad Oeynhausen, wo er sich zu Zeit in einer Rehabiltationsmassnahme befindet, nach Osnabrück gebracht. Opfer und Täter vermieden direkten Blickkontakt während der Verhandlung. Er habe, so der 29-Jährige, einem Nachbarn des Angeklagten beim Renovieren geholfen. Beide kannten sich von „Kindesbeinen an“ über den älteren Bruder von Benjamin S., sie waren im Katharinenviertel aufgewachsen. Ein paar Mal sei der Angeklagte, mit und ohne Bier, in der Nachbarwohnung erschienen. Man habe sich unterhalten. Irgendwann habe Benjamin S. behauptet, eine Stelle müsse noch mal gestrichen werden. Er habe, so der 29-Jährige, darauf verwiesen, dass die Wand erst trocknen müsse, um das beurteilen zu können. Als er dann später auf der Leiter stand, sei Benjamin S. von hinten auf ihn zugekommen, hätte ihm wortlos ein Kabel um den Hals geworfen und auf den Boden gezerrt. Er habe, so das Opfer, gesehen, dass der Angreifer dann ein Messer gezogen und auf seinen Hals eingestochen habe. „Ich sah eine Blutfontäne“, schilderte er weiter: „Dann wurde es dunkel. Als ob ein Film riss.“

Zwei Operationen retteten dem 29-Jährigen das Leben. Teile des abgebrochenen Messer wurden aus seinem Kopf operiert. Er ist halbseitig gelähmt und zur Zeit auf einem Auge blind. In der Reha beginnt er wieder mit dem Laufen und für sein Auge gibt es Hoffnung. Die Ärzte bescheinigen ihm aber auch: „Keine positive Erwerbsprognose.“ Vor Gericht wollte sich der Angeklagte bei seinem Opfer entschuldigen. Abgelehnt. Der Rechtsanwalt des Opfers: „Bitte keine Schreiben oder Anrufe. Das belastet meinen Mandanten zu stark.“ Trotzdem hörte sich der 29-Jährige die weiteren Zeugenaussagen an. Ein Nachbar, der den Benjamin S. als neuen Mitbewohner erst freundlich im Haus an der Adolfstraße begrüßte hatte, konnte mit dem provozierenden Gehabe des Angeklagten wenig anfangen. Als dieser wieder einmal vor dem Haus rauchte und den Weg versperrte, kam es zu einer Reaktion: „Du mit deiner Pornobrille, mach dich mal aus dem Weg.“ Als eine Gruppe von 3 Nachbarn an einem anderen Tag im Garten grillte, tauchte Benjamin S. auf, war aber nicht geduldet. Es kam zu einem Handgemenge in dessen Folge der Zeuge auf den Boden stürzte und mehrfach getreten wurde. Wenig später sei der Angeklagte mit einem Messer aufgetaucht: „Ich mach dich tot.“ Der Angeklagte nahm die andern Mieter, so sagte er dem Gericht, als „verschworene Hausgemeinschaft wahr.“ Ob das Teil seiner „Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis“ ist die ihm im Vorfeld der Verhandlung attestiert wurde, soll ein Gutachter an einem der nächsten Verhandlungstage berichten. Zur Zeit befindet sich Benjamin S. im Ameos-Klinikum. Wenn das Gericht zur der Feststellung gelangt, dass er schuldunfähig war, kommt es voraussichtlich zu einer Unterbringung in der Psychiatrie. Fortsetzung, Donnerstag, 13.1.2010 (9 Uhr)

 

 

Diesen Beitrag teilen



Grundlos: Von der Leiter gerissen, gewürgt und fast erstochen - Auf Twitter teilen.

Sei der erste, dem das gefällt