„Oh Gott – Wir haben das Sonderfahrzeug vergessen“

Landgericht Osnabrück: Transrapidunglück nach 4,5 Jahren juristisch abgeschlossen

Osnabrück (kno) – Viereinhalb Jahre nach dem tragischen Unfalls des Transrapid auf der Teststrecke bei Lathen im Emsland endete vor der 10.Großen Strafkammer des Landgerichts Osnabrück die juristische Aufarbeitung mit der Verurteilung der beiden Hauptverantwortlichen. Sie wurden wegen 23-facher fahrlässiger Tötung und 11-facher fahrlässiger Körperverletzung zu Bewährungsstrafen verurteilt.

 

Am 22.9.2006 war der Transrapid TR08, besetzt mit einer Besuchergruppe, auf der einspurigen Strecke mit einem vergessenen Sonderfahrzeug kollidiert. 23 Menschen starben, 11 wurden zum Teil schwer verletzt. In einem mehrtägigen Prozess im Mai 2008 waren bereits zwei Betriebleiter zu hohen Geldstrafen verurteilt worden, weil sie nicht konsequent für die Umsetzung und Einhaltung der Sicherheitsvorschriften gesorgt hatten. Das zweite Verfahren richtete sich jetzt gegen die beiden verantwortlichen Fahrdienstleiter, die am Unglückstag im Leitstand der Strecke für den Fahrbetrieb zuständig waren.. Die beiden Männer waren bisher nicht verhandlungsfähig, galten längere Zeit als suizidgefährdet. Das hätten, so der Oberstaatsanwalt, mehrere Gutachten glaubhaft belegt. Die Dauer des Prozesses konnte erheblich verkürzt werden, weil sich die beiden Angeklagten geständig zeigten. Der im ersten Prozess ausführlich festgestellte Ablauf der Ereignisse war den Prozessbeteiligten vor dem Verfahren mitgeteilt worden. Während der 1. Fahrdienstleiter (61 J.) eine Erklärung durch seinen Verteidiger verlesen ließ, hatte Rechtsanwalt Harald Kolsen seinen 52-Jährigen Mandanten ermutigt, sein Geständnis selber zu machen. Mit stockender Stimme gestand dieser seinen Fehler: „Als wir den Schrei aus dem Funkverkehr hörten wussten wir: Oh Gott, wir haben das Sonderfahrzeug vergessen.“ Nach kurzem Prozess konnte Oberstaatsanwalt Hubert Feldkamp schon um 10.35 Uhr mit seinem beeindruckenden Plädoyer beginnen. Er benannte noch einmal die verhängnisvolle Fehlerkette, die zu dem Unglück geführt hat. Es habe keine technische Ursache vorgelegen, 6 Personen hätte sich schuldig gemacht. Die beiden Angeklagten seien die Hauptverantwortlichen, aber auch der verstorbene Zugführer hätte von dem Sonderfahrzeug wissen können: „Es herrschte gute Sicht. Der Fahrer startete einen Blindflug.“ Der zuständige 1 Fahrdienstleiter hatte am Unglückstage keine elektronische Fahrwegsperre gesetzt, obwohl ein Sonderfahrzeug auf der Strecke gestanden habe. Darüber hinaus habe er eine Fahrtfreigabe erteilt, obwohl er von dem 50 Tonnen Ungetüm auf der Strecke wusste. Das Vier-Augen-Prinzip habe versagt, der 2 Fahrdienstleiter sei nicht eingeschritten, ob wohl auf seinem Monitor zusätzlich ein GPS Signal die Position des Hindernisses anzeigte. Die beiden Angeklagten seien durch die andauernde Erinnerung an die schrecklichen Ereignisse sichtlich gekennzeichnet und bestraft. Sie seien „Täter und Opfer“. Eine Gefängnisstrafe sei für ihn nicht vorstellbar, sagte Feldkamp. Er beantragte Bewährungsstrafen von 1 Jahr und 10 Monaten für den ersten und 1 Jahr für den zweiten Fahrdienstleiter. Während der Anwalt des 1. Fahrdienstleiters auch eine Geldstrafe für angemessen hielt, hob Rechtsanwalt Kolsen hervor, dass sein Mandant „sich nicht von seiner Schuld reinwaschen wolle“ und stellte die Höhe der Strafe ins Ermessen des Gerichtes. Glaubhaft die letzten Worte des 2. Fahrdienstleiters: „Ich würde alles dafür tun, das Geschehene rückgängig zu machen. Ich kann es nicht.“ Das Urteil lautete 1 Jahr für ihn und 1 Jahr 6 Monate für den 1. Fahrdienstleiter. Beide zahlen je 4000 Euro an karitative Einrichtungen. Der Vorsitzende Richter betonte: „Beide Angeklagte sind keine kriminellen Mitmenschen.“ Eine Tragödie für Täter und Opfer habe jetzt ihr juristisches Ende gefunden.

 

Die Transrapid-Versuchsanlage in Lathen/Emsland: Am Unglückstag fuhr der TR08 um 9.24 Uhr aus der Halle zum HOP. Dort stiegen 26 Besucher ein. Um 9.43 rangierte der TR08 über die Weiche zu Station 1 und nach erneuter Weichenbedienung zu Station 2, wo sie um 9.49 hielt. Nach der Freigabe fuhr der TR08 um 9.53 Uhr los, beschleunigte auf 179 km/h und prallte um 9.54 Uhr nach 1,6 km auf das Sonderfahrzeug an Stütze 120. Der 50-Tonnen Besenwagen wurde noch 300 m weit geschoben. Ein Radfahrer wurde von Trümmerteilen getroffen.

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