Freispruch im Mordprozess Atterstraße

Landgericht Osnabrück: Haftbefehl gegen Igor P. aufgehoben

Osnabrück (kno) – Mord oder Notwehr? Diese Frage stellte sich am letzten Verhandlungstag im Mordprozess Atterstraße den vier Prozessparteien. Verteidigung, Staatanwaltschaft und letztlich die 6. Große Strafkammer beantworteten die Frage gleichlautend: Igor P. handelte in Notwehr, als er am 27.2. dieses Jahres seinen 39-jährigen Mitbewohner Kamal Hama nach einem Streit mit zwei Messerstichen tödlich verletzte. Einzig der Nebenklagevertreter ging in seinem Plädoyer nach wie vor vom Anklagevorwurf des Mordes aus.

 

Gleich zu Beginn seines Plädoyers rückte Staatsanwalt Jörg Schröder von seinem Mordvorwurf ab und erklärte, dass er einen Freispruch beantragen werde. Zu unterschiedlich seien die Aussagen des einzigen Tatzeugen, des Mitbewohners der beiden Kontrahenten in seinen 4 Vernehmungen gewesen. Fest stehe, so der Anklagevertreter, dass das spätere Opfer den drogenabhängigen Igor P. schwer misshandelt habe und von ihm vehement erst 200 Euro und später mehr gefordert habe. Schröder vermutet hinter der Geldforderung eine Erpressung oder eine Beteiligung an Drogengeschäften. Im Prozess hatte der Angeklagte zu seinen Einkommensverhältnissen die Angaben verweigert. Ergebnis der Beweisaufnahme sei, dass vom Opfer eine erhebliche Aggression ausgegangen sei. Kamal Hama habe sich listig gezeigt, als er demonstrativ ein Brotmesser fallen ließ, um sich kurz darauf erneut mit einem Klappmesser heimlich zu bewaffnen. Ob er dieses dann vor dem Angriff durch Igor P. in seiner Hand gehalten habe, sei nicht feststellbar gewesen. Auch habe der Gerichtsmediziner keine Angabe über die Reihenfolge der beiden Stiche, von denen einer tödlich war, machen können. Das hatte der Nebenklagevertreter anders verstanden oder nicht gehört: Für ihn sei keine Notwehrsituation gegeben gewesen. Igor P. habe den Bruder und Ehemann seiner Mandanten „aus Hass umgebracht“. Das zur Rede stehende Klappmesser von Kamal Hama verglich er mit einer Wasserpistole, wohingegen der Angreifer mit einem Kampfmesser bewaffnet gewesen sei. Das Opfer sei lammfromm im Vergleich zum Angeklagten gewesen. Diese Steilvorlagen nahm Verteidiger Thomas Klein dankbar auf und verwies auf die 3 Voreintragungen im Bundeszentralregister, darunter eine Verurteilung von Kamal Hama zu 8 Monaten Haft wegen 2-facher gefährlicher Körperverletzung. Der Nebenklagevertreter möge sich bei seiner Mandantin erkundigen. Diese hätte mehrmals mit ihren Kindern vor ihrem gewalttätigen Ehemann fliehen müssen. Bezüglich des Vergleichs „Wasserpistole - Klappmesser“ verwies Klein auf die tödliche Stichverletzung des Opfers: „Die war nur 4,5 cm tief.“ Sein Mandant habe nicht aus Hass gehandelt. In seinem letzten Wort, zu dem der Angeklagte eigens aufstand, um sich bei den Angehörigen zu entschuldigen, erklärte Igor P. die Ereignisse zu einer „ Tragödie, einer fürchterlichen Tragödie“. Er habe nicht töten wollen, sondern er habe nur mit dem Ziel gehandelt sein „Leben zu verteidigen.“ Nach dem Freispruch begründete der Vorsitzende Richter, warum es aus Sicht der Kammer zu dem erfolgten Urteil kommen musste: Es sei in der Hauptverhandlung deutlich geworden, dass der Angeklagte Angst vor dem Mitbewohner gehabt habe. So habe er die Tür zugehalten, als dieser mit einem Messer hereindrängte und die verlangten 200 Euro aus der Tür geworfen, um einen direkten Kontakt zu vermeiden. Der Angeklagte habe keine Belastungstendenzen gezeigt und seine, in der Küche nachweislich erfolgte Lippenverletzung nach einem Schlag durch Kamal Hama, nicht unmittelbar vor die Tat „verlagert“, was ihm eine Leichtes gewesen wäre. Seine Aussage sei in der ganzen Zeit konstant gewesen. Anders beim Tatzeugen, der aber nicht bewusst gelogen habe. Nachdem der Richter verkündet hatte, dass der Haftbefehl gegen Igor P. aufgehoben sei, erhob sich der Bruder des Getöteten: „I would like to say something.....“ Der Richter unterband diese unzulässige Kommentierung des Urteils im Gerichtssaal, worauf der Bruder wütend hinausstapfte und für keine Nachfrage bereitstand.

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