Versuchter Totschlag aus Elseparty 2010: Sicherheitsmann hatte Wichtigeres zu tun

Landgericht Osnabrück: Erinnerungslücken, Alkoholeinfluss, Verhörmethoden und Bedrohungen erschweren Prozess.

Vor dem Landgericht Osnabrück im Prozess gegen 5 Angeklagte aus Bünde, Kirchlengern und Minden, die sich wegen versuchten Totschlags verantworten müssen, sagten weitere 15 Zeugen aus. Laut Anklage sollen die Angeklagten in unterschiedlicher Tatbeteiligung auf der sogenannten Elseparty 2010 am Grünen See in Melle-Buer einen 32-Jährigen aus Lingen durch Schläge und Tritte so schwer verletzt haben, dass er fast an dem erlittenen Schädelhirntrauma verstorben wäre. Noch heute leidet der Mann, der mit einer Anwältin als Nebenkläger auftritt, an den Spätfolgen. 150 Gäste waren zu der Benefizveranstaltung in der Nacht vom 31.7 auf den 1.8.2010 zur „Elseparty“ gekommen, um durch die Einnahmen Geld für die Kinder eines verstorbenen Freundes zu sammeln. Doch nicht alle waren in Trauerstimmung, so eine Zeugin: „Einige waren unhöflich und aggressiv.“ Zum Teil kamen die Besucher mit einem eigens organisierten Shuttlebus, weil das Motto des Abends lautete: „Saufen für den guten Zweck.“ Für die Schwurgerichtsammer dürfte es schwer werden, aus den zum Teil völlig widersprüchlichen Aussagen der Zeugen ein klares Bild der chaotischen Verhältnisse auf dem Festplatz herauszufiltern. Die Aussagen werden, so stellte sich bisher heraus, getrübt durch die eingeschränkten Sichtverhältnisse, starken Alkoholeinfluss und deutlich spürbaren Be- beziehungsweise Entlastungstendenzen der Zeugen, sowie seltsame Erinnerungslücken. Immer wieder heißt es: „Keine Ahnung. Ich kann mich nicht erinnern.“ Andeutungen über Bedrohungen und fragwürdige Vernehmungsmethoden des Staatschutzes in Bielefeld machen die Arbeit für die Kammer nicht einfacher. Hinzu kommen die von Zeugen genannten Spitznamen, die den Beteiligten zugeordnet werden müssen. Wer ist „Niete“, „Zahnlücke“, „Atze“, „Törn“, „Mümmel“ und „Muggle“. Wer trug rote, wer weiße Hosenträger? Nach der bisherigen Beweisaufnahme dürften sich die Vorwürfe gegen drei der Angeklagten kaum belegen lassen. Fest steht, dass es gegen Mitternacht nach dem „Ausdruckstanz Pogo“, so ein Zeuge, auf dem Veranstaltungsgelände zu einer Auseinandersetzung gekommen ist. Doch schon die Bezeichnungen hierfür sind so unterschiedlich, wie die angegebenen Gründe für den Streit. Von „Rangelei“ „Tumult“, „Tohuwabohu“, „Lautes Rabimmel-Rabammel“ bis „Massenschlägerei“ reichen die Begriffe. Und der Anlass? Erst war es eine verbale Provokation durch das spätere Opfer „Tommi“ gegen die 25-Jährige Angeklagte wegen deren Entkleidungsaktion auf der Bühne, doch ein Zeuge brachte ein völlig neue Version ins Spiel: Es ging angeblich um ein verlorenes Portemonnaie, der vermutlich stark angetrunkenen Frau, die das Festgelände, so ein Zeuge, später mit einem grünblauen Auge verließ. Im Laufe der Verhandlung war immer wieder von einem Schlagring die Rede. Der Zeuge „Muggle“ berichtete, dass er Tommi während der Schlägerei auf dem Festgelände auf dem Boden fixiert und ihm den Schlagring abgenommen habe. Tommi habe danach noch eine Zeitlang „einen auf `sterbenden Schwan´“ gemacht. Über den Zeugen „Mümmel“ gelangte der Schlagring zu einem Angeklagten, der ihn über seinen Anwalt an das Gericht weiterleitete. An ihm fand das LKA-Hannover DNA-Spuren von Tommi. Die Schlagringe vermehren sich: Mümmel berichtete auch, dass ein Freund von Tommi einen Schlagring genutzt habe. Zu den schweren Verletzungen, soviel zeichnete sich im Prozessverlauf ab, kam es oberhalb des Festgeländes am Grünen See auf einem Parkplatz. Zwei der Angeklagten, ein 41-Jähriger und ein 32-Jährige, beide aus Bünde sollen Tommi dort getreten und geschlagen haben. Bezüglich der Tatbeteiligungen der anderen Angeklagten auf dem Parkplatz gibt es nur sehr vage Angaben. Die Auslöserin der Schlägerei wurde bisher ebenso wenig benannt, wie Markus W. aus Minden. Wie er in die Anklageschrift kam, deutete ein Zeuge an: „Der Staatsschutz in Bielefeld wollte immer nur was über ihn hören. Ich sollte ihn unbedingt anzeigen.“ Ein anderer Zeuge: „Mir wurde von Herrn K. gedroht. Das Tonband wurde dabei abgeschaltet.“ Als bisher letzter Zeuge sagte ein Sicherheitsfachmann aus. Er sollte eigentlich auf der Party für Ordnung sorgen, habe sich dann aber „abseits um Wichtigeres gekümmert, bei dem man nicht so gerne gesehen wird.“ Im sei gesagt worden, dass er überflüssig sei, weil die Gäste ihre Angelegenheiten selbst regeln würden. Beim Staatschutz habe er keine Aussage gemacht. Man habe sich lediglich getroffen und über „den Abend am Grünen See geplaudert“. Die Verhandlung wird am Donnerstag fortgesetzt. Wieder sind zahlreiche Zeugen geladen. Nur einer von ihnen war auf dem Parkplatz dabei, aber auch nur kurz. Er sei, so sagte ein Zeuge bereits aus, in den Wald geflohen, als es zu den brutalen Tritten kam. 

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