Landgericht Osnabrück: Freisprüche im Prozess wegen versuchten Totschlags auf „Elseparty 2010“

Staatsanwalt: „Bestechung und Bedrohungen stehen greifbar im Raum“

„Der Rechtsstaat hat gesiegt, aber die Wahrheit blieb auf der Strecke“, kommentiert die Vertreterin der Nebenklage Dr. Kerstin Muthers die Freisprüche für fünf Angeklagte aus Bünde, Kirchlengern und Minden, die sich vor dem Landgericht Osnabrück wegen versuchten Totschlages verantworten mussten. 38 Zeugen hatte die Schwurgerichtskammer an sechs Verhandlungstagen gehört, um herauszufinden, was sich in der Nacht vom 31.7 auf den 1.08.2010 „Elseparty“ am Grünen See in Melle-Buer abgespielt hat. Das magere Ergebnis der Beweisaufnahme fasste der Staatsanwalt in seinem klar gegliederten Plädoyer deutlich hörbar zusammen: „Wir können feststellen, dass sowohl alle Angeklagten, sowie das spätere Opfer „Tommi“ auf der Elseparty 2010 waren und dieser nach einer Schlägerei schwerwiegende Verletzungen erlitten hat. Die Kopfverletzungen hätten, wären sie unbehandelt geblieben, zum Tode führen können. Konkrete Tatbeiträge konnten wir nicht feststellen.“ Der vorsitzende Richter stellte in seiner Urteilsbergründung später fest, dass die erforderliche Sicherheit für Zuordnung von einzelnen Tatbeiträgen der Angeklagten nicht erbracht worden sei. An den letzten beiden Verhandlungstagen hatte das Gericht 10 Zeugen geladen, die ebenso wenig Licht ins Dunkel der Ereignisse am Grünen See bringen konnten, wie die vorangegangen. Sie bestätigten, dass es auf dem eigentlichen Festgelände gegen Mitternacht eine Schlägerei gab, die eine Zeugin so beschrieb: „Eine Menge Leute hingen aufeinander und prügelten sich. Jeder hatte jeden am Kragen.“ Dann sei das Licht ausgefallen und „es wurde deutlich ruhiger“. Manche hätten vermutlich überhaupt nicht gewusst, worum es eigentlich ging, deutete ein Zeuge an. Das Gericht resümierte später im Urteil, dass die vermutlich stark angetrunkene 25-jährige Angeklagte aus Bünde Anlass für den Streit war. Ob sie ihn durch eigene Aggression hervorrief oder vom späteren Opfer attackiert wurde, blieb unklar. Fest steht: Sie verließ die Elseparty mit einem Veilchen. Ebenso sicher: Sie war nicht auf dem Parkplatz oberhalb des Festgeländes anwesend, als es bei einer zweiten Schlägerei zu den folgenschweren Verletzungen, einem Schädel-Hirn-Trauma, vom 32-jährigen „Tommi“ kam. Die Angeklagten hatten vor Gericht zu den körperlichen Auseinandersetzungen keine Angaben gemacht. Die widersprüchlichen Aussagen von vier beteiligten Zeugen der Opferseite waren so eklatant, dass der Staatsanwalt in seinem Plädoyer feststellen musste: „Die fallen deutlich auseinander.“ Außerdem wurden die belastenden Aussagen gemindert durch Falschaussagen, die während des Prozesses revidiert wurden. Ursprünglich wurde der Einsatz eines Schlagringes durch die Opferseite vehement bestritten. Dann tauchte auf dem Richtertisch ein Schlagring auf, an dem sich DNA-Spuren des Opfers „Tommi“ befanden. Später stellte sich heraus: Ein weiterer Schlagring befand sich im Besitz der Opferseite. Neben dem Alkoholisierungsgrad der Gäste auf der „Elseparty“, den schlechten Lichtverhältnisse, den vielfachen Gesprächen nach den Ereignissen, gab es für den Staatsanwalt einen weiteren Grund für das „unbefriedigende Ergebnis“ der Beweisaufnahme: „Bedrohungen und Bezahlungen für Falschaussagen stehen greifbar im Raum.“ Aber auch diese seien nicht nachweisbar, so der Anklagevertreter in seiner Begründung für die Beantragung der Freisprüche: „ Mit rechtsstaatlichen Mitteln ist der Sachverhalt nicht weiter aufzuklären. Verteidiger Thomas Hemminghaus aus Melle verwies in seinem Schlussvortrag noch einmal auf die schlechten Lichtverhältnisse. Er sei eigens nachts zum Tatort gefahren, um sich ein Bild zu machen. Die Aussage eines Zeugen: „Es war dunkel, wie im Pumaarsch,“ sei richtig. Selbst bei Vollmond.

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