Säugling fast zu Tode geschüttelt

Landgericht Osnabrück: Bewährungsstrafe oder vier Jahre Haft?


Osnabrück – Es gibt Strafverfahren, die lassen keinen der Beteiligten kalt. Die Öffentlichkeit ist, wenn sie von einer Gewalttat erfährt mitunter allzu schnell bereit den Verantwortlichen heftigst zu verurteilen. Ein sachlich geführter Prozess vor einer neutralen Instanz dient dazu, sich die Tat und den Täter genau anzuschauen und zu bewerten. Am Ende steht dann das Gericht vor der Aufgabe die Tat angemessen zu ahnden und dabei auch dem Täter gerecht zu werden. In einem Prozess vor dem Landgericht wegen versuchten Totschlages, bei dem das Opfer ein 7 Wochen alter Säugling ist, wurde exemplarisch deutlich, wie schwer der Spagat für die Richter werden kann.
An bisher drei Prozesstagen war der neugebaute Saal 1 des Landgerichts Osnabrück Schauplatz einer Verhandlung gegen einen jungen Mann aus Nordhorn, dem die Staatsanwaltschaft vorwirft, einen Kleinkind derartig heftig misshandelt zu haben, dass es bleibend geschädigt sein wird.

Die Taten - Misshandlungen an drei Tagen
Im August 2014, vor dem 24.8 soll der Angeklagte das Kind seiner damaligen Freundin in ihrer Wohnung so stark geschüttelt haben, dass es zu einem Hirnschaden kam. Diese, erste Tat, wurde im Krankenhaus nicht sofort entdeckt, weil die eingetretene Apathie des Kindes auf eine kurz zuvor erfolgte Impfung zurückgeführt wurde.
Zwei Tage, vom 24.8 bis 26.8. 2014, wurde der Säugling in einem Nordhorner Krankenhaus stationär versorgt und dann entlassen. Am 2.9. soll es dann erneut zu einem heftigen Schütteln des Kindes durch den Angeklagten gekommen sein, worauf erneut das Hirn des Kindes geschädigt wurde.
Am folgenden Tag hat der junge Mann, wieder in Abwesenheit der Mutter, das Kind ins Gesicht und auf den Po geschlagen.
Diese Tat räumt der Angeklagte ohne Einschränkung ein.

Das Opfer - Bleibende Schäden nach neun Operationen
Der weibliche Säugling ist am 16.7.2014 geboren. Sein Peiniger war zu den Tatzeiten mit ihm allein und hatte von der befreundeten Mutter den Auftrag es zu versorgen und zu wickeln. Eine Hebamme sagte aus, dass der junge Mann vorbildlich bemüht war: "Ich traute ihm das zu."
Die Folgen der Misshandlungen wurden erst am 4.9.2014 von einem Hausarzt in Nordhorn entdeck. Er entdeckte unter anderem deutlich Spuren einer Ohrfeige im Gesicht seines kleinen Patienten und veranlasste eine sofortige Überstellung ins Krankenhaus. Dort erkannte man jetzt die schweren Verletzungen und organisierte einen Rettungsflug nach Hannover in eine Spezialklinik.
Neun Operationen waren erforderlich, um das Leben des Kindes zu retten. Ein subdurales Hämatom stellte die größte Herausforderung dar, es hätte zwangsläufig zum Tode des Säuglings geführt. Außerdem entdeckten die Mediziner laterale Einblutungen im Gehirn durch gerissene Äderchen und, neben der Gesichtsverletzung, auch noch Hämatome auf dem Po des Kindes. Letztere, so stellte eine Gerichtmedizinerin fest, seien nur erklärbar, wenn das Kind zur Entstehungszeit keine Windel getragen habe.
Das Kind befindet sich jetzt bei der Mutter und wird permanent medizinisch betreut. Das Jugendamt ist involviert.
Die Prognose ist schlecht. Das Kind wird voraussichtlich dauerhaft behindert sein. Es war vorrübergehend erblindet und hat einen Hörschaden.

Der Täter - Ein gepflegter junger Mann.
Der Angeklagte war zum Tatzeitpunkt 19 Jahre und 6 Monate alt. Er wurde am 4.9.2014 in Haft genommen, wo er bis zum 8.01.2015 verblieb. Zur Zeit lebt er in Nordhorn und geht einer dauerhaften Vollzeitbeschäftigung nach.
Der hinzugezogene Psychiater beschreibt ihn als unauffällig, zugewandt und "manchmal etwas weitschweifig". Er hat gute Umgangsformen, ist selbstbewusst, gepflegt und konsumiert keinen Alkohol oder sonstige Drogen. Er hat eine Vorliebe für Musik, die er auch selber produziert. Vor Jahren spielte er in einem Musical mit. Wenn man ihn sieht, traut man ihm die ihm zur Last gelegten Taten nicht zu.Saal 1 des Landgerichts Osnabrück
Der Gutachter - Die Einsichtsfähigkeit was nicht eingeschränkt
Der psychiatrische Gutachter Dr. Dirk Balgenort hat den Angeklagten an drei Tagen untersucht. Er lenkt in seinem Vortrag die Aufmerksamkeit auf einen heftigen Streit des jungen Paares am Vortag der ersten Tat. Der junge Mann habe sich erniedrigt gefühlt, weil seine Lebensgefährtin, die er erst wenige Monate zuvor, als sie bereits von jemand anderem schwanger war, kennen gelernt hatte, nicht völlig zu ihm gestanden habe. Der Vater des Säuglings, für das er sich verantwortlich fühlte, habe massiv gestört. Der Kindesvater sei immer wieder unangemeldet erschienen und sei einmal durch die Eingangstür in die Wohnung eingebrochen, so dass der Angeklagte sich vor ihm im Bad verstecken musste. Außerdem sei er vom vermeintlichen Nebenbuhler auf offener Straße geschlagen worden. Dies habe er als Verletzung seiner "histrionischen Persönlichkeit" empfunden. Er habe ein überbordendes Aufmerksamkeitsverlangen. Zum Tatzeitpunkt sei seine Einsichtsfähigkeit nicht eingeschränkt gewesen. Die Tat passe nicht zum Selbstbild des Angeklagten. Der Gutachter empfiehlt die Aufnahme einer stationären Therapie und deren ambulante Fortsetzung.

Der Vertreter der Jugendgerichtshilfe - Bewährungsstrafe ist "sinnig".
Seit Anfang es Jahres wird der Angeklagte durch die Jugendgerichtshilfe betreut. Deren Vertreter stellt fest: Die Tat und der Täter passen nicht zusammen. Er wundere sich, dass ein junger Mann mit diesem Auftreten keine Ausbildung abgeschlossen habe. Seit dem Abschluss der Hauptschule sei es zu einem Strukturverlust gekommen, der Klient habe mehrere Ausbildungsversuche unternommen. Alle seien gescheitert. Die Aufgabe des Jugendstrafrechtes sei es "erzieherisch auf den Angeklagten einzuwirken". Mit einem Haftaufenthalt sei diesem Ziel nicht gedient: "Wenn er rauskommt, ist der Job weg. Ich halte eine Bewährungsstrafe für sinniger."

Der Staatsanwalt - Klare Worte, Tränen und ein deutlicher Strafantrag
Emotionaler Höhepunkt der Verhandlung ist zweifelsohne das Plädoyer der Anklagevertretung
Es wird laut und es fließen Tränen seitens des Angeklagten, als Oberstaatsanwalt Hubert Feldkamp mit eindrücklichen Worten und Gesten schildert, was mit dem sieben Wochen alten Säugling geschehen ist und welches die Folgen der Taten sind. Die Zerbrechlichkeit eines so zarten Wesen seien allgemein bekannt. "Das weiß jeder Mensch intuitiv, dass man einen Säugling nicht so heftig, mit hoher Frequenz schütteln darf."
Die Konkurrenz durch den Kindesvater habe der Angeklagte nicht ertragen. Die Erniedrigung habe sich zu einer Wut aufgestaut, die er dann an dem Kind ausgelassen habe. "Sie wäre fast daran gestorben."
Feldkamp wendet sich an den Angeklagten: "Ich glaube Ihnen, dass sie das nicht gewollt haben. Aber, Sie wussten, welche Folgen ihre Handlungen haben könnten." Insofern habe der Angeklagte den möglichen Tod des Kindes billigend in Kauf genommen.
Es sei also von einem versuchten Mord mit bedingtem Vorsatz auszugehen. Bewährungsstrafe? "Nein. Das geht nicht mehr. Wir müssen unsere kleinen Kinder schützen. Ich mäßige mich noch, wenn ich nur vier Jahre Haft beantrage."
Der Nebenklagevertreter - Kein Verständnis für Jugendgerichtshilfe.
Nebenklageanwalt Thomas Heils ist froh über die deutlichen Worte des Oberstaatsanwaltes und zeigt keinerlei Verständnis für den Vortrag der Jugendgerichtshilfe: "Alles andere als eine Haftstrafe wäre das falsche Signal."

Der Verteidiger - Mandant konnte Folgen nicht abschätzen.
Rechtsanwalt Daniel Halver trägt seine Plädoyer sehr bedächtig vor. Immer, wenn er an emotional aufwühlende Punkte kommt, flüstert er fast: "Mein Mandant hat die Schläge eingeräumt." Anders als der Staatsanwalt geht er davon aus, dass sein Mandant nicht habe ahnen können, welche gravierenden Folgen sein Fehlverhalten hätte haben können. Einen "bedingten Tötungsvorsatz" hält er nicht für gegeben. Ein Atemaussetzer des Säuglings habe seinen Mandanten zu einer Panikreaktion veranlasst. Darauf habe er das Kind geschüttelt und nicht bemerkt, wie heftig er dabei vorging.

Das Letzte Wort:
Bevor sich das Gericht zu Beratung zurückzieht, hat der Angeklagte noch mal Gelegenheit sich zu äußern.
"Ich habe das niemals so gewollt. Es tut mir sehr Leid."
Das Gericht lässt sich eine Woche Zeit, um das Gehörte zu prüfen. Am Montag, den 29.09 soll ein Urteil verkündet werden.


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