Heftiges Schütteln des Säuglings nicht erwiesen

Landgericht Osnabrück verhängte Jugendstrafe ohne Bewährung wegen gefährlicher Körperverletzung

Osnabrück – Nach einer dreitägigen Beweisaufnahme verkündete das Landgericht Osnabrück das Urteil in einem Verfahren gegen einen jetzt 21-Jährigen aus Nordhorn. Wegen schwerer Misshandlung eines Schutzbefohlenen in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung wurde der junge Mann zu einer Jugendstrafe von 2 Jahren und 10 Monaten verurteilt. Der Vorwurf des versuchten Mordes sei nicht haltbar.

"Wir haben es mit einem Fall zu tun," eröffnete der vorsitzende Richter seine Urteilsbegründung, "der uns sehr traurig macht." Ein sieben Wochen alter Säugling sei vermutlich durch die Einwirkungen des Angeklagten gezwungen, lebenslang mit Beeinträchtigungen zu leben. Über eine Stunde ließ sich der Richter Zeit, das Leben des Angeklagten und seine drei zu Rede stehenden Taten juristisch einzuordnen. In der Zeit "um den 11.8.2014 habe der Angeklagte das Kind seiner damaligen Freundin gewickelt. Dabei sei es, nach einem Atemaussetzer zu einem panikartigen Schütteln des Säuglings durch den 21-Jährigen gekommen. Ob dieses Schütteln so heftig gewesen sei, dass dabei das später entdeckte, lebensgefährliche subdurale Hämatom entstanden sei, sei nicht festzustellen gewesen. Außerdem sei diese Tat nicht anklagegegenständlich gewesen. Zu einem weiteren Vorfall dieser Art sei es, so der Richter, am 2.9.2014 gekommen. Wiederum, so habe auch der Angeklagte eingeräumt, habe er das Kleinkind geschüttelt. Ob die an den Folgetagen festgestellten Verletzungen auf dieses Schütteln zurückzuführen seien, habe die Kammer nicht eindeutig feststellen können. Somit, führte der Richter aus, sei es möglich, dass die schweren Hirnverletzungen des Kindes auf einen schweren Schlag gegen den Kopf des Kindes am 3.09. beruhten. Zwar hätte eine Gerichtsmedizinerin die Verletzungen eher als Folge eines 20-30-maligen hochfrequenten Schüttelns erklärt, aber einen Schlag als Ursache nicht vollkommen ausgeschlossen. Im Anschluss beschäftigte sich der Richter mit der Frage, ob der Angeklagte habe wissen können, dass seine Schläge -erst auf den Po, dann an den Kopf- hätten tödlich enden können. Die Kammer, so erklärte er, habe das nicht so gesehen, es habe keine "billigende Inkaufnahme" des möglichen Todes gegeben. Mit der Frage: "Was ist erzieherisch notwendig?", eröffnete der Vorsitzende die Ausführungen zur Strafmaßfindung. Wegen der Reifeverzögerungen sei der zu Tatzeit 20-Jährige nach Jugendstrafrecht zu verurteilen. Schädliche Neigungen seien bei ihm nicht feststellbar: "Es droht kein Abrutschen in die handfeste Kriminalität." Allerdings sei eine therapeutische Intervention sinnvoll. Dazu benötige der Angeklagte einen strukturierten Tagesablauf. Einen Berufsabschluss sollte er anstreben.

Durch das Schlagen eines "völlig wehlosen Opfers" habe der Angeklagte schwere Schuld auf sich geladen. Eine Bewährungsstrafe sei daher nicht möglich.

Nebenklagevertreter Thomas Heils konnte sich nach der Urteilsverkündung mit dem Freispruch vom versuchten Totschlag nicht einverstanden erklären. Er sieht im Tatablauf - den heftigen Schlägen auf den Po und dem anschließenden mindestens einen Schlag gegen den Kopf - sehr wohl eine Billigung des möglichen Todes als gegeben an. Die Nebenklage werde daher das Einlegen einer Revision des Urteils prüfen.

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