Totschlagsprozess mit seltsamen Erinnerungslücken

Landgericht Osnabrück: „Sind Sie vor dem Prozess angesprochen worden?“

Bereits seit zwei Tagen läuft vor dem Landgericht Osnabrück ein Prozess gegen einen 35-Jährigen Nordhorner wegen versuchten Todschlages.
In der Nacht des 22. auf den 23. Juli 2016 soll es auf der Vechtebrücke nahe der Ochsenstraße in Nordhorn zu einem folgenschweren Streit unter jungen Russlanddeutschen gekommen sein. Erst hagelte es Schläge, dann kam ein Messer zum Einsatz. In Folge eine Stiches wurde ein junger Mann schwer verletzt. Ein Gruppe von Männern verfolgte den Angreifer und nördlich der Vechte bewarf sich die Gruppe, darunter auch der Schwerverletzte mit Mülleimern und einem Gullydeckel.
Erst jetzt bemerkte der Angegriffene seine Stichverletzung, er ging noch zur Vechtebrücke zurück, wo er dann aber zusammenbrach.
So ungefähr dürfte sich das Tatgeschehen im Norden der Innenstadt von Nordhorn abgespielt haben. Aus den verschiedenen Zeugenaussagen ergibt sich ein diffuses Bild. Während am ersten Verhandlungstag das mittlerweile wieder aussagefähige Opfer die Tatvorwürfe gegen den Angeklagten bestätigte, lieferten am zweiten Verhandlungstag seine drei Freunde ein Konglomerat aus seltsamen Erinnerungslücken, anfänglichen Falschaussagen und Widersprüchen.
Ein 23-Jähriger gab an, man habe zu sich zu sechst am Abend bei ihm getroffen und gemeinsam getrunken, dann sei man gegen 24 Uhr in die Stadt aufgebrochen. Auf der Vechtebrücke habe er aus dem Abstand einen Streit gesehen. Worum es dabei ging und wer daran beteiligt war, wisse er nicht. Zu Beginn seiner weiteren Einlassung erklärte der Zeuge, daß er zu diesem Zeitpunkt so stark betrunken gewesen sei, dass er sich an nichts mehr erinnern können. Doch das ließ der erfahren Richter der 6. Großen Strafkammer nicht gelten.
Er hielt dem jungen Mann Stück für Stück die Aussage bei der Polizei in Nordhorn vor: „Haben Sie denn damals die Unwahrheit gesagt?“ „Kann sein, daß ich was Falsches gesagt habe.“ Alles drehte sich um den Einsatz des Messers durch den Angeklagten. In der polizeilichen Vernehmung hatte der Zeuge ganz klar angegeben, daß er gesehen habe, daß der 35-Jährige mit einem Messer rumgefuchtelt habe. Auf entsprechende Vorhalte und Nachfrage erwiderte der Zeuge immer wieder: „Keine Ahnung.“ „Kann mich nicht erinnern.“ „Messer habe ich keins gesehen.“ Komischerweise konnte er sich an die Würfe der Mülltonnen und eines Gullydeckels wenig später erinnern. Die Staatsanwältin fragte klipp und klar: „Sind Sie vor diesem Prozess wegen Ihrer heutigen Aussage angesprochen worden?“ Der Zeuge druckste herum und antwortet kleinlaut: „Nein.“ Darauf die Staatsanwältin: „Ich werde eine Ermittlungsverfahren gegen Sie einleiten.“
Zu ähnlichen Dialogen kam es bei der zweiten Zeugenaussage. Auch der zweite Zeuge konnte sich anfänglich an nichts erinnern, war angeblich zur Tatzeit stark betrunken. Dann räumte er ein, daß es bei dem Streit mit Angeklagten auf der Brücke um ein ausgeliehenes Konsolenspiel ging, welches dieser noch nicht zurückgegeben habe. „Gab es eine Schubserei?“ „Nein.“ „Bei der Polizei haben Sie was anderes gesagt.“ „Kann sein.“ „Gab es eine Schubserei?“ „Vielleicht.“ „Gab es eine?“ „Ja.“
Aber eine Messer habe er nicht gesehen. Auf keinen Fall.
“Sind Sie vor dem Verfahren angesprochen worden?“ „Nein.“ Und wenig später: „Mir passiert schon nichts.“ Der Richter wies ihn auf seine Wahrheitspflicht hin: „Demnächst sitzen Sie hier auf der Anklagebank.“
Doch von einem Messer wollte der Zeuge immer noch nichts wissen. Bei der Polizei hatte noch ganze klare Angaben zur Farbe und der Klingenlänge gemacht. Irgendwann räumte er vor Gericht ein, daß der Angeklagte etwas in der Hand gehabt habe. Das sei aber kein Messer gewesen: „Es war eckig und schwarz.“ „Und das ragte aus der Hand?“ „Nein, es war in der Hand.“ „Wie konnten Sie es denn sehen?“ „Ich konnte es eigentlich nicht sehen, weil ich hinter meinem Freund stand.“ Irgendwann hatte sich der Zeuge soweit in Widersprüche verwickelt, daß er die Existenz des Messers zugab und sich plötzlich sogar erinnern konnte, dass der Angeklagte es weggeworfen habe, als die Polizei auf der Bildfläche erschien. Mit den Worten: „Da haben Sie ja gerade noch die Kurve gekratzt,“ wurde der Zeuge entlassen. Auch der dritte Zeuge, ein Freund der beiden ersten, aber auch des Angeklagten, hatte plötzlich Erinnerungslücken. Zwar konnte er sich an Einzelheiten des Abends erinnern, aber als es um den Einsatz des Messers gegen seinen Freund ging, setzte die Erinnerung aus.

Diesen Beitrag teilen



Totschlagsprozess mit seltsamen Erinnerungslücken - Auf Twitter teilen.

Sei der erste, dem das gefällt