Milde Freiheitsstrafe nach Messerstich auf der Vechtebrücke

Landgericht Osnabrück: Waffe in der Gürtelschnalle

Wegen gefährlicher Körperverletzung und fahrlässigem Fahrens ohne Fahrerlaubnis wurde ein 35-jähriger Tschetschene vom Landgericht Osnabrück zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten verurteilt. Eine laufende Bewährung wurde widerrufen. Deshalb wird der vierfache Vater nach der jetzt verhängten Gefängnisstrafe noch weitere 11 Monate absitzen müssen.
In der Nacht vom 22. auf den 23. Juli 2016 geriet eine Gruppe von Russlanddeutschen mit dem Angeklagten, der gerade mit einem Begleiter auf dem Heimweg war, um dort eine soeben gekaufte Flasche Vodka zu trinken, auf der Vechtebrücke in Nordhorn in Streit über eine ausgeliehene Spielekonsole. Als der Angeklagte und ein weiterer Mann anfingen sich mit Fäusten zu traktieren, trat ein Russlanddeutscher in Schlichtungsabsicht zwischen die Kontrahenten. Doch auch dieser wurde von dem Tschetschen attackiert. Mitten im Handgemenge zog dieser ein verstecktes Messer aus einer Gürtelschnalle und stach damit auf den Schlichter ein. Zuvor hatte er angeblich auf russisch gerufen: „Ich schneid euch alle auf.“ Doch diese Warnung verhallte, der von dem Messerstich getroffene bemerkte seine Verletzung zuerst überhaupt nicht. Die Auseinandersetzung verlagerten sich in den Bereich nördlich der Brücke. Der Angeklagte wollte sich dem Zugriff der Übermacht entziehen, wurde aber am Gildkamp von der Gruppe gestellt. Man bewarf sich mit Abfalltonnen und der Angeklagte schleuderte einen Gullideckel auf die gegnerische Gruppe. Da er immer noch das Messer in der Hand hatte, konnte er sich Durchlass verschaffen und flüchtete Richtung Ochsenstraße. Auf der Brücke warf er das Messer weg und ergriff eine Flasche als Waffe.
Die bereits herbeigeeilte Polizei hatte Mühe, die Streithälse zu trennen und wurde auch von Teilen der Russlanddeutschen in ihrer Dienstausübung behindert. Nachdem Verstärkung angerückt war, klickten die Handschellen. Zeitgleich wurde der Verletzte, der auf der Brücke zusammengebrochen war von Sanitätern versorgt. In einer anschließenden Notoperation wurde seine schwere Unterbauverletzung versorgt. Er war sechs Wochen arbeitsunfähig, hat aber keine bleibenden Folgen und sagte zu Beginn des mehrtägigen Prozesses aus.

Ohne Bealstungstendenzen hatte das Opfer den Tathergang geschildert und berichtet, dass er den eigentlichen Stich nicht gespürt habe. Erst später, am Gildkamp, sei ihm sein blutgetränktes T-Shirt aufgefallen.

Seine drei Mitstreiter hatten bei der Polizei sehr detaillierte Angaben gemacht, konnten sich seltsamerweise aber vor Gericht kaum an etwas erinnern. Gegen mindestens einen von ihnen wird die Staatsanwaltschaft ein Verfahren wegen Falschaussage einleiten.
In dem Verfahren hatte auch ein Gutachter den Angeklagten auf ein etwaiges Drogenproblem zu untersuchen. Der Sachverständige kam zu dem Ergebnis, daß der Angeklagte zwar zu Tatzeit mehrere verschiedene Drogen (Kokain, Marihuana, Alkohol) konsumiert habe, aber vermutlich nicht abhängig sei. Der Tschetschen sei „auch ohne Einnahme von Substanzen aggressiv“. Ein Einweisung in eine Entziehungsanstalt sei nicht erforderlich.
Die Drogenwirkungen hätte, so der Gutachter, zwar die Steuerungsfähigkeit des Angeklagten zur Tatzeit erheblich eingeschränkt, die Einsichtsfähigkeit in sein Handeln sei aber gegeben gewesen.

Dieses Gutachten veranlasste das Gericht den Regelstrafrahmen von 6 Monaten bis zu 10 Jahren für eine gefährliche Körperverletzung herabzusetzen.

Zwar sei der Messerstich, so der vorsitzende Richter „potentiell lebensgefährlich“ gewesen, aber eine bedingte Tötungsabsicht sei nicht zu erkennen gewesen.

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